Rund elf Jahre nach der Premiere in Clärchens Ballhaus kehren die readings für einen Abend zurück nach Berlin. Gelesen wird "Weiber" - Ein Drehbuch von Pierre Sanoussi-Bliss. Mit: Tonio Arango, Inga Busch, Pierre Sanoussi-Bliss, Susann Uplegger und weitere folgen. Ort ist das Hotel Michelsberger in Berlin, los gehts um 19 Uhr. Der Eintritt kostet 5 Euro (Sonderpreis!), wenn man sich anmeldet unter bjoern.jansen@barbarella.de
















you don´t know nothing about hard work.


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20 Jahre Barbarella - Der Countdown läuft: Save the date. Not the whales. wann: tba. wo: tba. ob sie dabei sind: tba. alles weitere: tbc (hast ´n Schatten?).



Wippe ich mit dem Gesäß, schrein die Hasen SOS

Machen wir einen VIP-Bereich? Ein weisser Raum in dem eine überdimensionierte Wippe steht.


Da simma dabei

Die ersten beiden Mitwirkenden im Barbarella Ballett stehen fest! Niels Bruno Schmidt und Robert Meller. Weitere Anmeldungen werden gerne genommen.


Der Rest vom Fest

Kann man die restlichen Roséweinflaschen von Gallo von der 15 Jahre Party wohl nochmal benutzen? Bebop frage ich nicht nochmal, da ist eine Flasche von weggegangen. Wie bekommt man wohl einen Sponsor für ein möglichst breites Publikum?


They never come back

Wie wärs denn mit dem Programmpunkt "worst of abgelehnt": Talents die uns verlassen haben lesen Konzepte vor, die abgelehnt wurden? den Gynäkologenkongress, Julia Dietze die Sponge Bob Kampagne, Dennenesch Zoudé den BÄM-Award. Und Felix Neunzerling ruft immer "reichweitenstarke Kommunikation", oder vielleicht doch lieber ein Schild? Meint ihr, Wolfgang Bergmann hat jetzt schon arge Bauchschmerzen?


Those where the days - Barbarella Vintage März 08 - Januar 10:



Never Forget

DER MANN ist bald weg. Keiner, der das vorbestellte Essen abholt, was doch noch nur 10 Meter rechts oder links von der Hautür entfernt ist, aber das Aufraffen doch solch Überwindung kostet, keine Freundesbesuche mehr, die einen Dank charmanten Augenaufschlags mit Kuchen beglücken, keiner der einen grundlos als Ming-Vase beschimpft, niemand mit dem man über Stunden zufrieden schweigend am Tresen stehen kann, keine hitzigen Diskussionen über abstruse Themen, kein kölsches Klüngelgeschwätz, niemand den man mit "He, hi, ich bin der Ralf von der Cosmo" aufziehen kann, keiner der "Hasta luego" oder "Tschüssikovski" ohne Anschiss zum Ende einer email schreiben darf, keine orangene Wollmütze mehr, deren Strahlung vom Keller bis unter die Discokugel reicht. Sollte ich erfahren, dass du in Wien in einem Kaffehaus sitzt und dir eine Mélange trinkst und dabei den kleinen Finger abspreizt, würde meine Weltordnung ins Schwanken geraten. Mach mit den Ösis das gleiche wie mit den Rhabarberschorlennippern und den Kastanienalleefrisurträgern und pass des Nachts bitte beim Radfahren auf, ich kümmer mich solange um Poldis Torschusstraining, damit Köln groß raus- und du ganz bald zurückkommst. Ich sage jetzt schon: Welcome back, dein Platz im Keller bleibt.

Inga Berentzen, 08. Januar 2010



Facebook

Noch vor ein paar Wochen saßen wir zusammen im Osterzimmer und Paula, Inga und Heike erwähnten ganz nebenbei, dass Barbarella jetzt eine eigene Seite bei Facebook hat. Lis und ich guckten uns entsetzt an; Barbarella ist jetzt bei Facebook und wir werden noch nicht einmal gefragt? Das schlechte Gewissen stand allen ins Gesicht geschrieben, die Antwort kam aber ebenso schnell wie einfach, „wir wussten ja, dass ihr das nicht toll finden würdet“. Aha, so läuft das also, sagten wir uns und eine wilde Diskussion begann darüber, was das denn bringen soll und warum man überhaupt facebook braucht - Wenn man wen treffen möchte, dann kann man ja auch anrufen. Es muss sich doch nicht jeder ständig online über alles mitteilen. So gestresst von der Arbeit können die Menschen gar nicht sein, wenn sie immerhin noch kurz Zeit finden, um dies bei facebook zu posten - Letzte Woche habe ich meine Wohnungssuche in Köln intensiviert und prompt schickte mir Inga zwei Angebote, aus dem "Nett-Werk" bei facebook. "Nett-Werk" fand ich gut und eine Wohnung suchte ich ja auch, also überwand ich meine Abneigung zu facebook und wollte mich anmelden. Schöne Idee, dachte sich auch das Registrierungssystem und verweigerte mir die Autorisierung meines Namens. Im zweiten Anlauf am nächsten Tag klappte es dann doch. Nach nicht ganz einer Woche habe ich zwar keine Wohnung, aber schon 32 Freunde (wieder-)gefunden. Verzeih mir, Lis!

Saskia van der Valk, 17. Dezember 2009



Barbarella 2.0

Als ich 1997 mein erstes Praktikum bei der Werbeagentur Grey machte, wurden dort gerade emails eingeführt. Mein damaliger Chef Merryl, der nur indisches Comicenglisch sprach, bat mich, in New York und England anzurufen, um die mail-Adressen abzufragen. Einen Tag später kam er verwirrt mit meinem handgeschriebenen Zettel in unseren dunklen Praktikantenkeller, den wir uns zu 10. mit zwei Rechnern, einem Telefon und vielen Drogen und Augenringen teilten. Alle mails wären zurückgekommen. Mit großen blauen Augen schaute ich zu ihm auf und zuckte schüchtern lächelnd mit den Schultern als ich sandydotellisonatgreydotcodotuk las. Meiner Meinung nach hatte ich alles richtig gemacht. Noch vor nicht allzu langer Zeit kam Heike aufgeregt in Lis und mein Zimmer mit den Worten: "Meine Maus hat ihren Faden verloren." Heute haben wir neben Funkmäusen einen DIN A3 Laserfarbdrucker, einen Farbkopierer mit Netzwerkanschluss, einen Exchange-Server und eine VPN Verbindung auf den 4 (!) Barbarella-Laptops für unterwegs. Wenn sich jetzt noch jemand Gutaussehendes unter 40 über unseren Barbarella-Facebook-Account meldet, der ohne auf frag-vati.de, heimwerker.de, wie-mache-ich.de oder www.familymanager.de/Wasserhahn meinen Badezimmerwasserhahn reparieren kann, dann höre ich auch auf "mir selber emails über myspace zu schreiben, in denen steht, das ich schon in Ordnung bin, um mehr Freunde als er und sie zu haben." (frei nach Saalschutz.) Brave new world.

Inga Berentzen, 10. Dezember 2009



Dezember

Wenn man die Anzahl der Quadratmeter unseres Büros durch die anwesenden Personen teilt, dann haben Ralf und ich gerade ganz schön viel Platz! Zusätzlich herrscht eine fast beängstigende Stille; nichts womit ich Barbarella in den letzten Wochen verbunden habe. Selbst aus dem benachbarten Theater dringen weder Akkordeonklänge noch Streitgespräche um 2 Euro! Nur das Klicken von Ralfs Tastatur ist zu hören! Sollte wirklich eintreten, was für den Dezember prophezeit wurde? Ruhe und Besinnlichkeit? Kaum zu glauben, nachdem man in den letzten Wochen bereits Dienstags dachte es wäre Freitag und sich auch privat am Telefon mit: Barbarella Entertainment gemeldet hat! Die Zettelstapel auf den Schreibtischen werden kleiner und durch erste Weihnachtsboten ersetzt: auf Annas Schreibtisch findet man die Reste von Ingas Deutsche Post Adventskalender und Paula bekommt die ersten Rasierapparate für ihre Talents geschickt. Außerdem habe ich Zeit mir den „Witz des Tages“ im Express durchzulesen, den Lis kurze Zeit später als ihren Lieblingswitz vorträgt! Ob sie den auch aus dem Express kannte oder er einfach gut zu unserer „Vampire sind nie out“ Mittagsgesprächsrunde passte, ist mir immer noch nicht klar. Der Barbarella Mittagstalk muss übrigens gut vor der weihnachtlichen Ruhe und Besinnlichkeit beschützt werden: schließlich müssen wir noch aufklären, was aus der Oma, Frank und dem italienischen Rächer wurde!

Iva-Katalin Hauer, 04. Dezember 2009



Bonus vir semper tiro!

Lieber Herr Bandido, ich würde ihnen gerne meine Bewunderung aussprechen. Sie glauben ja gar nicht für wie viel Aufregung sie in meinem kleinen Heimatstädtchen Schwerte gesorgt haben. Ich habe ja noch nie so viele Polizeibeamte in Schwerte arbeiten sehen. Ich muss schon sagen, die Party die Sie da auf die Beine gestellt haben, ist ja wohl ein voller Erfolg gewesen und alle Schwerter Bürger sind richtig begeistert gewesen. Sie glauben ja gar nicht wie kleinkarriert die sonst so reagieren, sobald man an einem schönen Sommerabend mal ne kleine Gartenparty schmeißt. Da bemühen sich die Polizeibeamten auch bis in den eigenen Garten und versuchen mit ihrem vollgekrümmelten grünen Pullis für Ruhe zu sorgen. Gerade für die jungen Leute ist das Leben in so einer Provinzstadt nicht immer einfach, denn alles, was Spaß macht oder jemals Spaß gemacht hat, gibt es nicht mehr. Da wäre beispielsweise das Openair Rockkonzert am Kanuverein , im übrigen, lieber Herr Bandido, eine sehr nette Location für eine Sommerparty direkt an der Ruhr, da könten sie ja auch mal ihre Füße aus den dicken Bikerboots ziehen und abkühlen, aber das nur nebenher. Die Stadt hat dieses schöne Event abgeschafft mit der Begründung : Zu laut, zu viele Drogen und zu viel Alkohol. Dann hat es früher ganze Straßenfeste gegeben, aber auch diese wurden abgeschafft, auch zu laut und zuviel Alkohol etc. Sogar die Ü30 Partys wurden abgeschafft. Sie können sich in etwa vorstellen wie langweilig es ist in Schwerte zu leben, lediglich der Weihnachtsmarkt ist uns geblieben, auf dem man selbstgehäkelte Socken, selbstgebastelte Mandalas und Kinderpunsch kaufen kann, nicht zu vergessen auch Kaffee der selbstverständlich aus fairem Handel stammt. Kurzum, ich würde mich einfach freuen, wenn sie öfters solche Partys in Schwerte schmeißen könnten und den Polizeihelicopter könnten wir dann einfach bitten, ein Paar Fotos aus der Luft zu schießen das würde sich total gut im Familienalbum machen. Falls Ihrerseits Interesse besteht können Sie sich gerne bei mir melden, ich würde Sie bei der Planung und Durchführung gerne unterstützen. Mit freundlichen Grüßen, Kyra

Kyra Schnadt, 20. November 2009



Schalke wird Kulturhauptstadt

Die lange, quälende Zeit der Vorankündigungs-Pirouetten hat ein Ende. Endlich isses soweit: Unsere Kulturhauptstadt kommt. Statt dem alten Schalke-Schmähmotto "Arbeitslos und eine Flasche Bier!" wird im Pütt nun tonnenweise kreatives Potential gehoben. Dann werden ex-Bergleute und ex-Stahlarbeiter unweigerlich von der weltmännischen Welle erfasst. Und 58 graue Kommunen zwischen Duisburg-Innenhafen und Dortmund Westfalenpark können sich vor lauter Licht-Installationen und Leuchtturmprojekten kaum retten. Mit anderen Worten: "Wir möchten für einen Wimpernschlag in der Geschichte des Ruhrgebiets den Alltag anhalten, Experimente zulassen, unkonventionelle Wege beschreiten und vor allen Dingen Lebensfreunde provozieren", wie der Flyer des "Baukultur Salon" im Stadtbauraum Gelsenkirchen vollmundig verkündet.Es präsentiert sich der Programmbereich "Metropole gestalten". Der NRW-Bauminister prognostiziert völlig neue Standort-Qualitäten. Schließlich werden mit satten Steuer- und Sponsorengeldern Museen errichtet, Industriehallen umgebaut und Kohlenhalden kreativ begrünt. Die ehemalige Dortmunder Union-Brauerei eröffnet im Mai 2010 als weithin strahlendes Kreativzentrum mit goldenem "U" auf dem Dach. Neben Lokalmatador Adolf Winkelmann soll das massive Gebäude allerlei neumodische Institutionen beherbergen. Es ist die große Stunde der Heilsversprecher. So regiert nicht nur im "Baukultur Salon" gestelztes Kunsthistoriker(Innen)-Deutsch. Letztlich ist der Countdown zur Kulturhauptstadt ein Bildungsbürger-Schaulaufen wie anderswo auch. Nur sieht die Welt rings um den Schacht Oberschuir - wie der holländische Podiumsgast sehr treffend zu bemerken weiß - ein wenig anders aus als in Hamburg oder München. Oberseminar trifft Pommesbude. Noch knapp sechs Wochen bis zu einem bemerkenswerten Experiment, in dem das "Pilsken"- und "Hörma"-Universum auf Architektenbrillen in schwarzen Rollkragenpullovern krachen wird. Ausgang ungewiss.

Ralf Niemczyk, 13. November 2009



Von Mey bis Bowie

Die Gema ist ein undurchschaubares Monster, das weiß jeder, der schon einmal einen „Antrag auf Erteilung eines Antragformulars zur Betätigung der Nichtigkeit des Durchschriftexemplars“ gestellt hat. Anscheinend hat sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen derart einschüchtern lassen, dass ihnen nur noch ein einziger Song für die musikalische Untermalung ihrer Beiträge zur Verfügung steht. Mit „Time to say goodbye“, der scheinbar universellen Hymne für A wie Abschied bis T wie Todesfall, wird untermauert, was dem unaufmerksamen Zuschauer sonst hätte entgehen können. So wird der Beitrag zum Ableben von Eduard Zimmermann genauso pathetisch besudelt wie das In-Rente-Gehen der Schröder-Generation samt ihrer Gefährten Struck, Riester und Schily. Müntefering bleibt, zumindest in Berlin Kreuzberg, verjüngt sich aber künstlich durch Weiblichkeit. Wende ich das „Münte-Prinzip“ auf mich selbst an, kann ich der Geburt meines Begleiters für die späten Jahre beruhigt bis 2019 entgegenfiebern. Die Privaten blasen ins selbe Horn, nur anders: Pro Einspieler muss nahezu die gesamte Top 100 herhalten, pro Schnitt wird Hymne um Hymne verwurstet. Zum unerträglichen Zenit treiben es selbstredend wieder die Werber, indem sie Meisterwerke der Musikgeschichte vergewaltigen und uns 2.0er „Heroes“ am Puls der Zeit verkaufen wollen. Hoffentlich haben die Herren Mobilfunkanbieter daran gedacht, das Monster zumindest mit den Musiktantiemen zu füttern, sonst fährt es die gewetzten Krallen aus. Was bleibt, ist der Wunsch, diesem Puls die Adern aufzuschneiden – und zwar längst. Und dazu hören wir „Hallelujah“, natürlich in Cohens Originalversion.

Lis Miebach, 06. November 2009



Presslufthammer

Jeden morgen auf meinem Weg ins Büro vibriert der Boden unter meinen Füßen. Es ist Herbst; das heißt in Berlin werden die Straßen aufgerissen. Es beginnt schon beim Aufwachen, denn am Haus vis-a-vis werden die Balkone abmontiert, was mir seit Tagen den Wecker erspart. In der U-Bahn nimmt der Baulärm seinen Lauf, die Strecken sind blockiert und vor lauter Presslufthammer lassen sich die freundlichen Durchsagen, wann denn nun welche Züge fahren, nicht verstehen. Am Alexanderplatz angekommen, werde ich mit rot-weiß-gestreiften Schildern zwischen den aufgerissenen Straßen zur Ampel geleitet, die auf Grund der Baustelle auch mal gerne ausfallen. Endlich im Büro angekommen genieße ich die Ruhe und rauche eine Zigarette mit meinem Kollegen, wobei wir natürlich die Fortschritte der Baumaßnahmen besprechen. Dann öffnen wir das Fenster um ein wenig frische Luft herein zu lassen und da ist er auch schon wieder: der Baulärm. Herbst in Berlin.

Lavinia Reinke, 29. Oktober 2009



Wortalbinos

Meine Tochter und ich nannten Wasser früher: Kandinsky. Das war nachdem wir uns jahrelang gesiezt hatten und bevor wir Verben nur im Infinitiv verwandten. Es war die Zeit der Diminuitive. Den drückten wir durch Endsilbenkappung plus Anfügen des Suffixes "i" aus. Wasser also Wassi. Also, im logischen nächsten Schritt Wassili und dann - klar - Kandinsky. Golden wir :Seezunge? fragt Lis und meint, ob wir einen Schauspieler, der sich von mir eine Seezunge plus Flasche Rotwein bezahlen ließ, nachdem er mir 3 Stunden von Imageproblemen erzählt hatte, die mich wassertrinkenderweise und auch sonst wenig interessierten, ob wir den also in den vorderen Sitzreihen einer von uns ausgerichteten Veranstaltung platzieren. "Wir" sind in dem Falle die :Babsis und besprochen haben wir das im :Osterzimmer, das so heißt weil es so heißt. Unser OKI-Drucker steht, an ein Geländer angeleint, auf einem Rollbrett. Er heißt :Druckerdackel und hat seit geraumer Zeit einen Blechnapf voll Wasser vor sich stehen. Wenn Familienmitglieder sich lang genug untereinander paaren, enstehen Albinos, lautete eine These, die - glaube ich - inzwischen wiederlegt ist. Wortalbinos sind Ausdruck eines autistischen Systems, aber man weiß ja von autistischen Zwillingen, dass sie sehr glücklich sind, wenn sie etwa in Primzahlenkolonnen kommunizieren. Und der Rest der Welt versteht nicht, aber dieser Rest ist ja oft ein schäbiger.

Heike-Melba Fendel, 23. Oktober 2009



Mein Freund der Baum

Die Birke auf unserer Terrasse verliert ihre Blätter, im Supermarkt kann man seit Wochen Spekulatius und Mozartkugeln kaufen, das letzte Zeichen, dass der Herbst bereits Einzug gehalten hat. Uns fällt es kaum auf, denn der Herbst, der ist unsere heisse Phase. An allen Wänden hängen DIN A0 Ausdrucke mit Sitzplatzierungen, es häufen sich Dispositionen, Protokolle, Einladungskarten, Beschilderungen, DVDs und Bücher um unsere Füsse, der Samstag wird zum Freitag, der Sonntag bereits zum Montag, die Zeit fliegt aus den gekippten Fenstern und lässt noch mehr Blätter auf uns in der Raucherpause fallen. Unsere Birke wird von einem Gartenschlauch hoch oben in der Krone aufrecht gehalten, uns hingegen schweißt ein starkes unsichtbares Band zusammen. Ab und an schauen wir in die Spiegelplättchen der Discokugel, die jeden einzelnen vervielfachen und es schaffen, dass wir schiozephrenisch weiter arbeiten können: Die Gundi macht die Kalkulation, die Ingeborg ist das Postamt, die Jacqueline klebt die Umschläge zu, die Franzi macht die Platzierung, die Michaela kümmert sich ums Catering....Sollte das Band reissen, hängen wir uns mit all unseren neuen Freunden an das Stahlseil der Discokugel, schwingen uns bis zur Birke und warten auf das frühe Morgenrot.

Inga Berentzen, 10. Oktober 2009



Pünktchenmädchen

Wenn ich mich in unserem neuen Büro an diesem Freitag umschaue, fühlt es sich gar nicht nach Büro an. Eher nach Café oder nach alternativem Arbeiten in Berlin Mitte. Nur eben ohne Apple und iPhone. Der Photoautomat vom Rosenthaler-Platz hat sich schon lange nach Köln auf die Aaachener Straße geschmuggelt und Kölner Studenten werden ihre WG-Türen jetzt auch mit den schwarzen Fotostreifen flastern, auf denen "man immer so unheimlich gut aussieht". Rechts neben mir auf einem Sessel sitzt ein Barbarella-Talent, direkt daneben der weisse Golden Retriever inklusive rotem Spielball, der zum Glück nicht quietscht, und telefoniert. Es ist sowieso voll bei uns. Und laut. Vor allem die Absätze auf dem harten Holzboden hallen nach. Der Barbarella-Herbst hat begonnen. An den Wänden hängen Sitzpläne, das Team wurde durch noch mehr Mädels aufgestockt, die Tür bleibt immer offen, da der Drücker noch nicht funktioniert, und wir viel zu weite Strecken hinter uns bringen müssten, um jedes Mal die Tür zu öffnen. Das Großraumbüro, auch wenn man es nicht im klassischen Sinne verstehen darf, ist eine neue Situation für uns alle. Alle sprechen (meistens) leiser und bedachter und wenn eine von uns laut auflacht, gibt es auch schon mal einen strengen Blick. Dennoch mag ich, die anfangs gegen dieses neue Büro war, das alles sehr. Unser Innehof ist toll, mit Hängematte. Und Birke. "Ich brauch Tapetenwechsel, sagte die Birke", sang Hildegard Knef. Nicht die Birke ist umgezogen, sondern wir zur Birke. Die Diskokugel in der Mitte taucht uns alle in der Mittagszeit in ein Pünktchenlicht, dann werden wir alle zu Pünktchenmädchen.

Paula Döring, 02. Oktober 2009



So long















Heike-Melba Fendel, 25. September 2009



Free Willy und der TurmBau

Wenn man die Augen schließt, hört man das rituelle Schreien tapferer Kriegerinnen. Die Melodie des Feindes klingt anders, so dass man den Wechsel des Kampffeldes mit noch geschlossenen Augen erkennt. Die Nase verrät einen vertrauten Duft aus vergangenen Schulzeiten- es riecht nach Sporthalle. MTV Köln gegen TuRa Monschau. Für mich war es das erste Volleyballspiel. Lis hatte Geburtstag und wir die Ehre, dabei sein zu dürfen. Doch nicht immer setzt man sich derart freiwillig rituellen Schreien aus. Wir dürfen, durch die räumliche Nähe zu unseren Theater schaffenden Nachbarn, regelmässig an den Proben der neuen Saison teilnehmen. Es handelt sich, dem Klang nach zu urteilen, um ein Drama mit heftigster Zerrissenheit und der absoluten Offenbarung aller Gefühle. Laute Gefühle. Des öfteren wunderten sich Gesprächspartner am Telefon, da die Geräusche, wie auch beim Spiel, etwas anderes vermitteln, als das tatsächlich Geschehene. Demnächst sag ich am Telefon: "die spielen nebenan Volleyball"!

Anna Claußen, 17. September 2009



Büro-Einweihung

Nicht nur das Büro ist neu für Barbarella, sondern auch ich. Ich erinnere mich noch genau, wie ich vor knapp einem Monat zum ersten Mal Barbarella Terrain betrat und ehrfürchtig den langen Flur entlang schritt; ganz irritiert darüber, dass meine Absätze auf dem Glasboden so laut klackern. Nicht ganz so ehrfürchtig war ich leider zwei Wochen später, als ich meiner neuen Chefin und ihrem Gast Kaffee bringen wollte. Diesmal ohne Absätze bewaffnet stolperte ich auf der Treppe hoch zu Heikes Büro über meine eigenen Füße und konnte das Unvermeidliche nicht vermeiden: ein riesiger Kaffeefleck über die gesamte weiße Wand bis runter in den Keller auf Ralfs Arbeitsplatz. Dank der tollen Reaktion von Heike und den Mädels kam ich dann auch schnell aus dem Zittern raus; wäre es nicht mein eigenes Werk gewesen hätte wahrscheinlich auch ich herzlich über die Wandmalerei lachen können. Die Tassen sind übrigens heil geblieben und mein Angebot, die Wand selber zu streichen, wurde abgelehnt. Diesen Montag wurde dann im Anschluss an Heikes Lesung bei uns im Büro gefeiert. Ganz erstaunt konnten wir beobachten, wie sich die Menschenmassen durch unser Büro schoben und dabei Discokugel, Glasboden sowie Treppenkonstruktion bewunderten. Ich war ganz froh, dass es dunkel war und der Fleck nicht in seinem vollen Ausmaß zu erkennen war. Thematisiert wurde er trotzdem. Der Fleck ist mittlerweile schon zu einem festen Bestandteil des neuen Büros geworden und fast immer ein Gesprächsthema für neue Besucher. Eigentlich schade, dass er bald gehen muss.

Iva-Katalin Hauer, 04. September 2009



Gruppentherapie

Wir haben einen Wasserschaden. Seit Mai. Zuerst kamen wissend schauende Männer und dann kamen große, gelbe Bautrockner. Die Bautrockner haben nun anscheinend überall die Feuchtigkeit raus gesaugt, nur nicht aus den Wänden. In regelmäßigen Abständen standen Männer in der Wohnung, die nach der Messung ähnlich leidend geschaut haben wie Ärzte aus Vorabendserien, wenn sie eine schlechte Nachricht verkünden. Es gab keine Idee und auch keine trockenen Wände. Ich glaube nach einiger Zeit zweifelte auch die Versicherung an den zwei ideenlosen Männern mit den Bautrocknern und schickte mehr Männer. Das machte nicht mehr Eindruck, aber vor allem keinen Sinn. Vorgestern standen morgens um 9:00 Uhr zehn ratlose Menschen in der Wohnung: Vom Installateur bis zum Sachverständigen. "Komm wir bilden eine Arbeitsgruppe" oder eventuell auch eine gruppentherapeutische Maßnahme zur Bewältigung vergangener Misserfolge. Ich musste dann gehen, weil zehn Menschen um diese Uhrzeit einfach zu viel ist. Als ich wiederkam waren alle weg und die Wände hatten keine Wasserflecken mehr, dafür große Löcher. Erfolgreiche Gruppentherapie? Auf einem Zettel stand wir kommen in fünf Tagen wieder. "Das macht mich jetzt unheimlich betroffen", sollte ich dem Versicherungsfritzen sagen. Eine Abrissparty gefällt mir besser. Da sag ich dann bescheid.

Eva Grammbitter, 21. August 2009



Kögummi

Ich bin gebürtige Düsseldorferin und nach einigen Umwegen über unter anderem Hamburg und Paris bin ich dort unfreiwillig wieder gelandet. Der Job bei Barbarella war allerdings mehr als freiwillig. Als Düsseldorferin hat man es in einer Kölner Agentur allerdings nicht immer leicht und das, obwohl ich mich nicht mal ansatzweise als Lokalpatriotin bezeichnen würde: Ich hasse Bier, finde Karneval doof und von Fußball verstehe ich nichts. Es düfte eigentlich keine Reibungsstellen geben, aber meine lieben Kolleginnen werden der Sprüche nicht müde. "Wohnst du nicht da, wo die Babies Kaschmir-Windeln tragen?" oder es werden eigens Textaufgaben entwickelt von unserem Barbarella-Mann: "Der Vater von Uschi hat zwei Porsche, einen Maserati. Die Mutter von Theresa zwei paar Manolo Blahniks, der Vater drei Maseratis...", Kögummi ist das neueste Wunderwort. Großartig. Ich glaube, ich lache immer am lautesten. Manchmal bringe ich sogar kleine Anekdoten mit, zum Beispiel, dass in Düsseldorf ein neuer Italiener eröffnet hat. Der Name spricht für sich allein: "Spaghetti & Stars". Düsseldorf eben. Ich teile meine Ungläubigkeit über diese Namenswahl in Köln und dennoch fliegt es Tage später im Büro zu mir zurück. Wir sitzen mit unserer neuen Agentur nun mitten in der Rabarbareschorle überfluteten, lila Ray-Ban und Latex-Leggings tragenden Styler-Oase von Köln. Inga hatte bereits berichtet. Mein Wunsch wäre ein Barbarella-Betriebsausflug nach Düsseldorf, aber nur an Orte, an denen man den Wald vor lauter Ohoven-Lippen, Gucci-Pumps und hoch geschnürten, alternden Brüsten in Dolce Gabbana Corsagen nicht mehr sieht. Gemeinsam lachen auf der Kö, damit alle Klischees ihre Bestätigung finden.

Paula Döring, 14. August 2009



Zum zweiten Mal verloren und doch gewonnen

Ich berichtete bereits über meine Pre-Umzugszeit, in der ich täglich das neue Büro aufsuchte. Dies ließ sich natürlich am Umzugstag selbst noch toppen, an dem ich gefühlte 50 Mal wie Hase und Igel vom alten zum neuen Büro mit unserem Umzugswagen fuhr. Immer vorbei an der kleinen Reisegruppe mit unseren acht männlichen Umzugshelfern, die die kurze Wegstrecke zu Fuß gingen. Auch wenn wir, wie Inga schon schrieb, versuchten, uns an den Rhabarberschorlennippern und Latte-Trinkern vorbeizumogeln, hatten wir dennoch am Abend des ersten Tages doppelt verloren: Kurz nach der Aktion mit der Disco-Kugel fragte uns die Kellnerin des Cafés, ob sie nun endlich die zwei Tische in die Lücke stellen könne, die wir als Durchgang nutzten. Sie habe durch unseren Umzug den ganzen Tag über einen riesigen Umsatzverlust gemacht und könne nicht länger auf die zwei (!) Tische verzichten. Spätestens da waren die Fronten klar. Dennoch haben wir alle an diesem Tag die Anerkennung unserer männlichen Helfer erlangt, die tief beeindruckt von uns allen waren und uns später sogar schrieben, dass kein Umzug, den sie bisher gemacht hätten, so nett war, wie der mit uns. Das ist doch viel mehr Wert als das Urteil unserer Nachbarn.

Saskia van der Valk, 06. August 2009



From Disco to Disco

Wir sind angekommen. Im schönen, im neuen, im anderen Büro. Auf der Aachener Str. Wir nennen uns jetzt "Barbarella Berlin - Aachener Str, Ecke Kastanienallee". Ich frage mich, was die Leute für Jobs haben, oder ob es sich doch lohnt, arbeitslos zu sein. Quiche-essend und Latte-trinkend sitzt halb Köln von morgens an auf den Bürgersteigen und sieht gut aus. Nicht mehr und nicht weniger. Dass sich 3m nebenan Autokolonnen und die Straßenbahn an einem vorbeischiebt, stört das einträchtige Dasein anscheinend nicht. Heimlich, still und leise versuchten wir uns durchsichtig an den Rhabarberschorlennippern vorbeizumogeln, leider haben wir direkt an Tag 1 verloren: Heike neigt manchmal zum Gigantismus. So bestellten wir uns eine Discokugel, Durchmesser 1m, um unsere Etagen und damit unser "Ich" zu einem "Wir" zu verbinden. Das die meisten Türen Normgrößen haben und diese nicht vorsehen ein rundes Objekt in solchen Maßen hindurchzutragen, hatte niemand bedacht. So wuchteten wir und unsere acht fantastischen Umzugshelfer die Kugel aus dem Auto durch die Massen, durch das eine Fenster rein, durch das andere wieder raus, den Gang entlang, wieder zurück, 26kg bahnten ihren Weg durch diverse Cafés ohne Durchkommen, bis wir schließlich alle Menschen, Kinder, Hunde, Stühle und Tische im Café Schmitz entfernten, mit Radau hindurchstapften, die Treppe zum Dachgarten nahmen, über das Dach liefen, die nächste Treppe wieder runter und durch den Hinterhof ins Büro kamen. Eine Performance, die ihres Gleichen sucht. Nun hängt sie, die Kugel, das Sonnenlicht bricht sich in kleinen Spiegelplättchen und zeigt uns, wer wir sind. Jetzt muss ich nur noch ein Schild auf die Aachener Str. stellen und mit mutter f.s Worten sagen: "Geh weg, aus meiner Disco." Dann bleib ich für immer hier.

Inga Berentzen, 31. Juli 2009



N.N.

Der Reinigungsfritze war da, dieser Satz ist Ausdruck ewiger Vergeblichkeit. Man sagt ihn mir, wenn ich nicht da war, als er kam und vor allem, wenn meine Kleider nicht da oder nicht aufzufinden waren. Er kommt meine Kleider abholen, seit die Reinigung, in der er gearbeitet hat, verzogen ist. Und er kommt so lange wieder, bis es etwas mitzunehmen gibt. Maria heißt seine Chefin, sie ist Italienerin, raucht Kette und hat zigarettenlange Fingernägel. Die Kleider sind immer gut gereinigt, wenn der Reinigungsfritze sie zurückbringt, sie riechen bloß ein wenig nach Nikotin. Er kann nicht so gut deutsch und ruft immer nur laut "Frrau Fänndell" ins Büro. Dann kam er nicht mehr. Nach vier Wochen brachte ich meine Sachen woanders hin, was einem Paillettenkleid nicht gut bekam. Weitere acht Wochen später stand er plötzlich wieder im Büro und sagte zum ersten Mal mehr als meinen Namen. Er habe drei Monate Urlaub gemacht. Im Irak. Da komme er her und es sei schön gewesen, in den Bergen. Und jetzt komme er wieder die Kleider holen. Ich hatte ihn immer für einen Italiener gehalten und leider auch gleich wieder vergessen, meine Sachen am vereinbarten Tag ins Büro zu bringen, Saskia hat mir auf die Mailbox gesprochen: Der Reinigungsfritze war da, sagte sie, er kommt morgen wieder. Ich finde, wir sollten ihn endlich einmal fragen, wie er heißt.

Heike-Melba Fendel, 27. Juli 2009



Umzug mit Freu(n)den

Am Dienstag ist unser großer Tag, unser Umzug in das neue, das tolle Büro. Ich laufe seit drei Wochen fast jeden Tag mindestens ein Mal dorthin, um diverse Handwerkerarbeiten zu überwachen, mögliche Sitzpläne mit Inga, Lis und Paula zu diskutieren oder einfach um den eigenen Innenhof zu genießen. Im alten Büro sieht es eigentlich immer noch aus wie immer. Kisten stehen nur vereinzelt und versteckt in Hinterzimmern, gepackt ist bisher nur der Keller. Ein Umzugsunternehmen haben wir nicht, denn wie schon eine Bewerberin richtig feststellte, haben wir „so viel Frauenpower in unserer Zunft“, dass wir in der uns verbleibenden Zeit alles locker schaffen. Nur die Brötchen bekommen wir von den lieben Jungs der AIDS-Hilfe geschmiert.

Saskia van der Valk, 17. Juli 2009



Top 3 BH, Top 2 Bluse, Top 1 Etui-Kleid (aber bitte aus edlem Stoff)

Montag Abend, Filmfest München, im alten Schumanns. Zwei Gin Tonic, ein Kir Royal, ein Bellini. Eine Agentin, ein Journalist, eine Schauspielerin und eine PR-Agentin. Wer trinkt was?
News Aktuell hat im April eine Umfrage veröffentlicht, dass an der Spitze der Nachteile, die Journalisten mit ihrem Beruf verbinden, nervige PR-Leute stehen. 43 Prozent der Medienvertreter fühlen sich von diesem Aspekt an ihrem Job gestört. 2.293 Journalisten wurden zu den Tendenzen und Entwicklungen in ihrer Branche befragt. Aspekt? Aus welcher Branche überhaupt?! Man weiß es nicht. Freigabe hin, Freigabe her. Wir verstehen uns gut - warum auch nicht. Natürlich trinken der Journalist und die PR-Agentin das Gleiche.

Paula Döring, 13. Juli 2009



Der Kassettenfresser

Das BBC Magazin gab einem 13jährigen Jungen für eine Woche einen Walkman und nahm ihn seinen ipod weg. Hier ein Auszug seines Erfahrungsberichtes:

"It took me three days to figure out that there was another side to the tape. That was not the only naive mistake that I made; I mistook the metal/normal switch on the Walkman for a genre-specific equaliser, but later I discovered that it was in fact used to switch between two different types of cassette. Another notable feature that the iPod has and the Walkman doesn't is "shuffle", where the player selects random tracks to play. Its a function that, on the face of it, the Walkman lacks. But I managed to create an impromptu shuffle feature simply by holding down "rewind" and releasing it randomly - effective, if a little laboured. I told my dad about my clever idea. His words of warning brought home the difference between the portable music players of today, which don't have moving parts, and the mechanical playback of old. In his words, "Walkmans eat tapes". So my clumsy clicking could have ended up ruining my favourite tape, leaving me music-less for the rest of the day."

An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass wir schon lange kein Radio Erft mehr gehört haben. Mehr darf ich nicht sagen, sagt mein Anwalt, das Verfahren läuft noch.

Inga Berentzen, 03. Juli 2009



Buisnessbarbie im Barbarellarevier

Freitag ist Blogtag im gülden furnierten Barbarellaland. Es ist mein 3. Freitag. Und mein erster Blog. Logischer Schluss: Es gibt eine Neue: Und das bin ich, das stimmt zwar schon so irgendwie und überhaupt. Aber so wirklich im eigentlichen Sinne macht es nicht den leisesten Sinn. Wär' auch enttäuschend denn Logische Schlüsse gehen ja mal so gar nicht.
Vor 5 Jahren war ich das erste Mal in den "heiligen Hallen", der Anlass eine super-funky Teeny-Party. Seitdem war Barbarella eine sporadische Konstante in meinem Leben und ich ein Statist in ihrem. Sie eröffnete mir manche Möglichkeit und bat mich einige Male zum Tanz. Ich versuchte zu gefallen. Aber dann war ich erst einmal weg, überall und nirgendwo mit dem Ziel: Den Willen zu Stillen. Klappte 1A. Die Erkenntnis, das 1B auch ausreichen kann, gabs' gleich inklusive. Tja hinterher...Sie wissen schon. Der Weg durch die Welt führte mich unter anderem in die sehr noble Schweiz, in ein noch viel nobleres Büro, wo "Buisnesslook" obligatorisch war. Ich sträubte mich nicht und kam im Kostümchen. Zum platinblonden Haar ging unter ästhetischem Geichtspunkt mal wieder "gar nicht". Musste aber. Umkolerieren kam unterdessen für mich auch nicht in Betracht. So kam es, wie es kommen musste: Ein neuer Spitzname für mich. "Buisnessbarbie", war geboren. Aber jede Zeit hat ein Ende, selbst die skurrilschönste. Und irgendwann war ich wieder da, pecuniär unterversorgt, planloser als je zuvor und mit dem Wunsch nach Alteingesessenheit und bekannten Gesichtern. Und ich wusste da gab es nur die Eine, die mir meine Sorgen nehmen und meinen Wunsch erfüllen konnte: Meine Barbarella! Der Statistenrolle habe ich "Lebewohl" gesagt, aber blond bin ich immer noch. Und deswegen trauere ich um Farrah Fawcett!

Katharina Benjamin, 26. Juni 2009



Wir können ja gute Freunde bleiben

Lange Zeit herrschte in diesem Büro die von Heike aus den USA übernommene „broken-windows-theory“ vor, die besagt, dass schon ein einzelnes zerbrochenes Fenster in einem Haus zu völliger Verwahrlosung des gesamten Viertels führen kann. Sie hat eine Nulltoleranzstrategie zur Folge, was in der Übersetzung auf einen Büroalltag – gelinde gesagt – extrem anstrengend sein kann. Mittlerweile haben wir losgelassen und die Räume entseelen sich Stück für Stück und merken, dass sie bald verlassen sein werden und wie eine langjährige Geliebte zurückbleiben.
Auf der Wand gegenüber meines Schreibtisches ist, in ca. drei Metern Höhe, seit Jahren ein dunkelgrauer Handabdruck – von mir. Die Hand war dreckig vom abendlichen Möbelrücken und hat sich beim Aufhängen der neue Vorhänge abgestützt. Heute war ein Maler hier und hat den Abdruck reinweiß überstrichen. Vor meinen staunenden Augen werden bereits die letzten Spuren unserer Anwesenheit verwischt.
Das Band, dass unsere Welt zusammenhält, ist golden, ca. 1 Meter lang und um den Teil des Raucherzimmer-Kronleuchters gewickelt, der ansonsten unansehnliche Stromkabel auf ihrem Weg in die Decke freigeben würde. Diese dekorative Maßnahme wurde bestimmt pflichtbewusst von einer Praktikantin zu jener Zeit kreiert, als hier noch theoriegestützt Zucht und Ordnung herrschte. In meiner Vorstellung müssen wir, wenn wir dann ausziehen, lediglich an diesem Band ziehen und das ganze Büro löst sich in Schutt und Asche auf – inklusive der frisch gestrichenen Wand.
Nur die beiden Tauben, die in einer langjährigen und festen Beziehung auf unserer Hofmauer intensivst turteln, und anhand derer ich den Ausdruck erst verstanden habe, werden dies hoffentlich auch ohne uns weiterhin tun.

Lis Miebach, 19. Juni 2009



Ein Käfig voller Helden

Meine Präsenzzeiten in der Uni haben sich im Gegensatz zu den letzten Semestern auf zwei Tage in der Woche minimiert. Und eigentlich wissen die Dozenten auch selbst nicht so recht was sie mit uns anfangen sollen. Jeder denkt sich seinen Teil und doch verwundert es mich, dass die Vorlesungen so gut besucht sind. Aber auch dafür gibt es einen guten Grund. Ja klar herrscht eine gewisse Anwesenheitspflicht, jedoch funktioniert die Kommunikation an einer Hochschule wie meiner, die sich auch noch Hochschule für Kommunikation nennt, nicht wirklich gut. Im Klartext, unser Stoffverteilungsplan besteht in allen Fächern aus 95% Exkursionen. Anfangs hatte ich da nie so große Lust zu aber mit der Zeit kann ich mich auch für Randsportarten und kuriose Musikveranstaltungen begeistern. Allerdings habe ich das Gefühl, dass man an den Exkursionen nur teilnehmen darf wenn man zuvor die Vorlesung besucht hat und sich die Koordinaten und das jeweilige Codeword dafür abgeholt hat. Das ist kein Witz, niemand aber auch wirklich niemand kennt Halver im Sauerland, selbst die neueste Generation des Tom Toms ist damit überfordert. Und wie soll man seiner Exkursionsgruppe finden wenn man von übergroßen Maskottchen die GUMMI oder ARENI heißen umzingelt und angerempelt wird. Aber gut zu wissen, dass meine Dozenten so tolle Kontakte haben und insgeheim meine Helden der Arbeit sind.

Kyra Schnadt, 12. Juni 2009



The Simple Life















Barbarella Entertainment, 04. Juni 2009



Indianer kennt keinen Schmerz

Von Naturvölkern kann man viel lernen: Wie man in der Hocke, gebärt, dass man Geld nicht essen kann und ab und zu fällt auch Wissenwertes in Sachen Matriarchat ab. Photographieren durfte man die Wilden auch nicht, sie fürchteten um den Verlust der Seele ans Abbild. Mein Vater hat sich neulich meine Sendung im Fernsehn angeguckt. Ich habe ausgesehen, verkündete er munter, als sei ich gerade von einer Sitzung des Berufstrinkerverbandes zurückgekehrt. Mein Vater ist 81 und das Studiolicht war echt blöd. Also Schwamm drüber? Keine Chance. Stattdessen wissenschaftliche Selbstbetrachtung. Ich erforsche mein Gesicht, wie ein Ethnologe den Kleinwuchs der Pygmäen. Deren Babies sind von normaler Größe, wie mein Gesicht, anders abgebildet, eigentlich ganz normal aussieht. Geld kann man sich nicht wie Gurkenscheiben aufs Gesicht legen und im Matriarchat sind alle Frauen schön. Aber die Seele, die ist wirklich weggerutscht, vielleicht mal in die Hocke gehen und nachsehen, ob da unten bessere Lichtverhältnisse herrschen.

Heike-Melba Fendel, 25. Mai 2009



Die Provinz ist gar nicht so

Viele deutsche Urlaubsregionen haben in den Jahrzehnten des Mallorca-, Toskana- oder Bali-Exodus mächtig Mehltau angelegt. Die Weinorte an der Mosel genauso wie der Bayrische Wald. In Bad Harzburg nahe der DDR-Grenze sieht so aus, als könnte jeden Moment Heinz Erhardt in Schwarz-Weiß um die Ecke biegen. Einige Kilometer weiter westlich, im fachwerkhausigen Goslar, versucht man dieser Kännchen-Cafe-Falle nach Kräften zu entkommen. Durch Kultur und Showbiz.

Neben dem "Kaiserring" für Großkünstler wie Gerhardt Richter oder zuletzt Andreas Gursky wird auch der "Paul-Lincke-Ring" verliehen, der Meister der leichten Muse auszeichnet. Anfang des Monats waren Die Fantastischen Vier fällig, im properen Kurhaus des eingemeindeten Luftkurortes Hahnenklee, wo an den Straßenlaternen noch die Stoffhexen von der Walpurgisnacht auf dem Brocken baumelten. Nach Rene Kollo Peter Maffay oder Max Raabe bedeuteten die Fantas für die ehrwürdige Lincke-Gesellschaft einen rasanten Modernisierungsschub. Das Orchester spielte ein steiles Medley aus "Berliner Luft" (von Ahnherr Paul Lincke), "Ich war noch niemals in New York" und dem Fanta-Teeniehit "Die Da". Der Oberbürgermeister mit Amtskette gab sich jovial, die Harz-Society lächelte milde. Und überhaupt war es ein Event mit überregionaler Strahlkraft. Dafür sorgte - neben den humorig aufgelegten Preisträgern - vor allem der 11-jährige Cihan Karaca aus der Nachbargemeinde Oker. Mit einer fast schon erschreckenden Bühnen-Souveränität erklärte er das Prinzip des "Beatboxing" - und legte los. "Umpfffzz, bratz, wummmz" - die menschliche Rhythmusmaschine aus dem tiefsten Tannenwald. In Brooklyn hätten sie es nicht besser hingekriegt.

Ralf Niemczyk, 13. Mai 2009



In every dreamhome a heartache

Es ist wieder soweit, mit dem Beginn der Frühlingssaison häufen sich Einladungen aus den Speckgürteln der Republik (Taunus, Eifel, Brandenburg, Chiemgau uswusf). Nach hochkomplexer Einweisung und Zufahrtsbeschreibung erreichen wir mit großer Verspätung, vielen Nachfragen und einer kleinen Verstimmung das neue Traumhaus… Dort klare Arbeitsteilung: Grill, Bier und Heimhandwerk -> Daddy; Botanik und Soziales -> Mum; Einsamkeit und Sehnsucht nach der Stadt -> Kinder. Beachtlich, mit welcher Energie soziale und kulturelle Defizite des Landlebens unaufgefordert klein geredet bzw. geleugnet werden; schwierig, sich die Situation schön zu schauen (und zu trinken). Nach mehrstündiger Fahrt angeduselt im schäbigen Heim zurück, ein Blick auf den 1,5m² großen, ansatzweise begrünten Balkon - das muss reichen!

Michael Stehr, 07. Mai 2009



Roger & Dick

Ich bin gelegentlich im Fernsehen zu sehen. Oft rede ich dort über Film, was einer gewissen Sinnhaftigkeit nicht entbehrt. Ich habe mich aber auch schon über Deutschland im Kilokampf geäußert, über Helden und Freundschaft und über die deutsche Entwicklungshilfe. Und das im rbb, im ZDF, bei arte, 3sat und bei Roger Willemsen. Kommende Woche spreche ich über Liebe und Sex. Was soll ich sagen außer nein, als es noch ging. Wer redet, lernt nicht, sagte Dick Cheney.
Das ZDF Nachtstudio hat immerhin eine großartige Visagistin. Sie ist Französin, wunderschön und mag Rockstars. Die kommen aber nicht ins Nachtsstudio, man sitzt da meist mit älteren Herren. Ob die auch Fanpost bekommen, weiß ich nicht. Mir jedenfalls hat sogar einmal ein Mörder geschrieben. Er saß in einem belgischen Gefängnis ein, und schloss seinen mehrseitigen, handgeschriebenen Brief mit den Worten: Ich glaube, wir können viel voneinander lernen.

Heike-Melba Fendel, 30. April 2009



Gegendarstellung

In dem Blogbeitrag vom 17. April 2009 mit der Überschrift „Komm doch mal rüber mann und setz Dich zu mir hin“ heißt es:
„Lis und ich hören Radio. Gerne auch Radio Erft“.

Hierzu stelle ich fest:
Ich höre nicht GERNE Radio Erft.

Das mag mal passiert sein, aber vielmehr aus Mangel an Alternativen. Ob ein Bekenntnis zu WDR2 mir aus meinem entstandenen Imageproblem raushilft, wage ich zu bezweifeln. Eine Freundin sagte einmal zu mir: "Wenn Du auf WDR2 alle Songs mitsingen kannst, bist Du alt." Das lasse ich jetzt mal so stehen, in jedem Fall bin ich zu alt für das Tagesprogramm von Eins Live. Campus Radio gibt sein Bestes - mal abgesehen von den Death Metal, Hardcore und Free-Jazz Ausrutschern am Morgen - ist aber in diesem Büro nur mit Hörschäden zu empfangen.
Diese schöne Stadt hat einige Probleme: Sie hat keine anständige Tageszeitung, keinen anständigen Oberbürgermeister und keinen anständigen Radiosender. Aber da hält es Köln wie mein Rechner und begründet: Eines oder mehrere Probleme können auf Grund eines Fehlers nicht behoben werden.

Lis Miebach, 27. April 2009



Komm doch mal rüber mann und setz dich zu mir hin

Der hintere Teil unseres Büros ist fremdvermietet, unter anderem an Elsani Film, bei der eigentlich auch nur Frauen arbeiten, nicht gewollt, aber praktisch. Gerade wurde ein Film gedreht, neue Mitarbeiter engagiert, viele davon sind männlich. Und sitzen bei uns im Büro. Einfach so. Dazwischen. Denken, es fällt gar nicht auf, dass es überall nach Frikadelle und Leberkäse riecht. Hoffen insgeheim, dass wir uns freuen über ihre Anwesenheit. Laden die ein oder andere zum Essen ein. Wollen sich mit uns verbünden. Lis und ich hören Radio. Gerne auch Radio Erft. Wir werden dafür sehr belächelt. Bis zum 3. Phil Collins Song hintereinander haben wir jedoch viel Spaß, sind sehr textsicher und zeigen dies auch gerne. Doch Obacht: "Der Mann" hört ja mit. "Bei euch würde ich auch gerne arbeiten, ihr raucht nur, sitzt rum, singt und lacht den ganzen Tag. Aber bei euch arbeiten ja nur Frauen", so die Jungs von hinten links. "Du sag mal, was ist eigentlich dein Job bei der Produktion?", war unsere interessierte Gegenfrage. "Mädchen für alles." Wir werden ihn dennoch nicht einstellen.

Inga Berentzen, 17. April 2009



Neuzeitfamilie am Frühstückstisch

Das alltägliche Schauspiel meiner Strasse erinnert an neugierige Dorfbewohner in tristen Teilen Deutschlands, die, neben ihrer Vorliebe für Privatsender, die wonnigste Unterhaltung von ihren Nachbarn geliefert bekommen. Ich besetze mit dem treuen, allmorgendlichen Besuch meines Stammcafes eine der vielen Rollen. Der Ablauf variiert ein wenig- bleibt in der Basis aber beständig. Stefan, Steffi und Lina sitzen meist schon in klassicher, ausgeglichener Erscheinung am Tisch, er trinkt Cappucino, sie Milchkaffee. Burke kommt rein, wieder in schwarz. Peiki liest Bild, Martha knabbert am Knust. Ihn am Hochtisch neben dem Eingang kenne ich nicht- doch wir sehen uns jeden Morgen. Daniel liest, isst Apfelkuchen und möchte nicht gestört werden. Adele nett wie immer- ist ja auch ihr Laden! Sie auf der Bank kannte ich mal- hab den Namen vergessen- ihr Ex und mein Ex waren mal befreundet. Olli raucht draußen eine und trinkt frischen Orangensaft - wohl deshalb! Kenne die Getränkevorlieben und Lieblingslektüre dieser Menschen, als seien sie Teil meiner Familie. Neuzeitfamilie ohne Verpflichtung- neues Konzept, ähnlich beklemmend und doch schön!

Anna Claußen, 09. April 2009



Identitätskrisen

Der erste Stock des GrandHotel Hyatt ist zur Berlinale Hort der journalistischen Festivalidentitäten. Inmitten des Potsdamer Platzes gelegen, sind seine Konferenzräume den für die Auferstehung des Areals verantwortlichen Architekten gewidmet. Postmodern-dezente Lettern an den Türen verweisen auf eine der internationalen Architekturkoryphäen: Bronzen auf schwarzer Holzverkleidung, unübersehbar verewigt und unvergänglich verschraubt. Fern vom Licht der Leinwand wandelt manch akkreditierter Filmjournalist dort gern mal im dunklen Tal: "Ich möchte meine Akkreditierung abholen. Sind Sie Renzo Piano?!"

Oliver Bernau, 02. April 2009



Die Tücken der Technik

Manchmal, in Stoßzeiten, klingelt das Telefon ununterbrochen. Das kennt wahrscheinlich jeder, der in einem Büro arbeitet. Es scheint als sei der Hörer quasi schon ans Ohr fest gewachsen, denn zwischen Auflegen und erneutem Abheben liegt nur ein Bruchteil einer Sekunde. Und dann wieder Schweigen. Kein Klingeln erschallt durch die Zigarettenqualm geschwängerte Luft. Dann testen wir (im Berliner Barbarella Büro), ob das Telefon noch lebt, und siehe da, es ist tot. Was uns nicht mehr wirklich überrascht, denn das kommt schon mal vor bei uns im Berliner Büro. Dann geht's ans Programmieren. Mein Kollege und ich wechseln uns da ab. Denn es ist ein etwas komplizierter Prozess bis klar ist welche Kennziffer welcher Rufnummer und welche Rufnummer welchem Gerät zugeordnet werden muss. Nach ein bis zwei Tassen Kaffe, drei bis vier Programmierungsversuchen und fünf bis sechs Zigaretten kann das Telefon dann wieder seiner Bestimmung folgen und klingeln.

Lavinia Reinke, 27. März 2009



Das Bessere ist der Feind

Wir haben das schönste Büro von Köln. Im tollsten Viertel zum Superpreis. Historische Kacheln im Hausflur, unendliche Weiten im Innern, alles hoch und parkettiert und überhaupt: Ihr habts aber schön hier, sagen alle. Wir aber, werden umziehen. Weil es gut ist, nach 12 Jahren. Weil die Gänge abgelaufen sind, die Sicht abgeguckt und die Zeit herum ist. Weil es jetzt bereits ein erinnernder Blick ist, der auf das Optimale fällt. Veränderung kommt vor dem Fall und am liebsten ohne Not. Wo auch immer wir uns in Zukunft niederlassen, man wird uns bedauern. Schade, werden sie alle sagen, ihr hattet es so schön. Sie alle aber sind nicht wir alle. Heimat ist, wie Liebe, eine Zuweisung. Es geht nicht um den Besten oder das Beste, sondern den Richtigen und das Richtige. Unsere Heimatsabschnittsgefährtin und wir trennen uns im Guten. Schön wars, weiter gehts.

Heike-Melba Fendel, 20. März 2009



Post von der Perle

Meine Damen von Barbarella!
Nächste Woche bin ich im Urlaub.
Sie wissen bestimmt, dass ich 70 werde
Sollten Sie auf die Idee kommen mir
Was zuschenken ich verzichte
Ich möchte von Ihnen nichts haben
Keine Blumen Händedruck garnichts
Gruß
Ko


N.N., 13. März 2009



Die schönsten Bahnstrecken Deutschlands

Manchmal hasse ich es, unterwegs zu sein. Diese Woche war ich mit Nadine Krüger in Oberhausen, mit Clemens Schick in Wolfsburg (zum dritten mal in drei Monaten - also Wolfsburg, nicht Clemens Schick), mit Heike in Wiesbaden, mit Hanns Zischler in Essen und – als wäre das alles nicht schon genug - in Düsseldorf - wiederum mit Nadine. Wow, mit so viel geographischen Glamour hatte ich nicht gerechnet, als Elke Schubert mich vor fast zehn Jahren beim Einstellungsgespräch fragte: „Bist Du gerne unterwegs? Das ist hier nicht immer nur Büro.“ Glücklicherweise hat mein I-Pod, den ich vor lauter Entscheidungs-Unmut nur noch auf „zufällige Titel“ gestellt hatte, mir einen lange nicht mehr gehörten und umso mehr gemochten Song vorgespielt, dessen Refrain beruhigend in mein Ohr haucht: „Hate is just a 4-letter word“.

Lis Miebach, 05. März 2009



hypercool, magnifique, trés trés cool et trés trés chic

Alle Branchen haben ihre Eigenheiten, ihren Hau, wie man so schön sagt. In der Modebranche scheint dieser besonders ausgeprägt. Eine eigene Welt, eine eigene Sprache. Mit "You are so next season, darling!" auf der Pariser Fashion Week fing alles an, darauf folgte ein "Hier sind ja nur Shiny-People!" und seitdem kann ich nicht mehr weghören, wenn sich Lipgloss-Lippen öffnen. Düsseldorf, im Sommer. An einem Ort, an dem es sich eigentlich nicht nach Düsseldorf anfühlt. Es ist CPD, Modemesse, also die Invasion der Lipgloss-Mädchen mit Stelzen-Beinen und in deren Köpfen, wie auch immer, die Trends der kommenden Saison entstehen sollen. Irgendwie muss das Restaurant als Insider-Tipp im Elle City Guide gestanden haben, denn gerade als sich die Welt gut anfühlt, werden Stühle gerückt und zwei Mode-Mädchen setzen sich. Die eine zur anderen: "Boah, ich bin ja sooo finished vom Tag". Danach kommt nichts mehr. Vom Mode gucken??? Finished? Vor kurzem war wieder CPD und Lis, Saskia und ich waren zu Besuch in einem Showroom. Alles war gut. Wir tranken Café, aßen Herz-förmigen Marmorkuchen der nach Waffeln roch von Stielen und ließen uns von schönen Kleider an schönen Mädchen berieseln. Wie gesagt, alles war gut. Dann, in dem Moment, als wir den Showroom verlassen wollten und noch einmal bei der Rezeption vorbei gingen, ein Männchen aus dessen Lipgloss-Lippen der Satz herausgeflogen kam: "Das ist ja der fliegende Burda-Wechsel hier". Lautes Gekicher. Ich wusste, mir fehlte bis zu dem Zeitpunkt etwas, aber da war es. In der Modebranche wird wenigstens eigene Sprache verstanden. Da scheint man sich nicht zu fragen: "Welchen Teil von Nein haben Sie denn jetzt nicht verstanden?"

Paula Döring, 27. Februar 2009



Lusthaben

Es ist Mitte Februar in Köln. Die Stadt schunkelt sich ein für den Karneval. Für Kölner mit Migrationshintergrund, d.h. Zugezogene mit nur eingeschränkt rheinischer Mentalität, ist es auch nach 5 Jahren noch ein befremdlicher Vorgang. Zwar steht der offizielle Anfang noch bevor, doch in den Zügen nach Köln und am Hauptbahnhof wird die neue Jahreszeit schon jetzt anschaulich. Bunte, laute Frauengrüppchen mit geschätzter Herkunft aus Troisdorf, Frechen oder dem übrigen Kölner Umland bevölkern den Bahnhofsvorplatz auf ihrem Weg in die jecke Enthemmung. Eine dralle Dame im verrutschten Tinkerbell-Kostüm bietet mir ein "Piccolöschen" an, damit auch ich Spaß haben kann. Ich lehne ab, aber frage mich, ob ich denn sonst wirklich keinen Spaß habe. "Habe ich dieses Jahr ‚Lust' auf Karneval?" fragt mein Umfeld. Ich hingegen frage mich, ob es diese Wahlfreiheit für einen Bewohner der Kölner Innenstadt überhaupt gibt. Das Magazin der Süddeutschen Zeitung schreibt dieser Tage, es brauche 9 Kölsch, um den Zustand der "Lust" zu erreichen. Sie liegen richtig und beschreiben, was Karneval allzu oft ausmacht: Plötzlich steht man auf den Tischen. Und sieht grüne Feen.

Alexander Antunovic, 18. Februar 2009



Wir kaufen nichts

Manchmal bekomme ich im Büro Besuch von Außendienstmitarbeitern der Post, der Bahn oder der Telekom, die mir etwas verkaufen wollen. Meistens warten sie auf dem Sofa am Empfang auf mich. Wenn dann eine meiner Kolleginnen vorbeiläuft, kommt sie mit einem breiten Grinsen in mein Büro, um mich über meinen Besuch zu informieren. Aber nicht etwa, weil dort wahnsinnig gut aussehende Männer auf mich warten. Meine Besucher erkennt man am eher hohem Durchschnittsalter, grauen Haaren und starkem Aftershave, das noch Stunden nachdem die Herren wieder weg sind, in meinem Zimmer haftet. In letzter Zeit hatte ich wenig Besuch...

Saskia van der Valk, 12. Februar 2009



oh Henry, ein Loch!

Barbarella wird im Juni 18. Den 15. Geburtstag, den vergesse ich nie. Rock n Roll zwischen Delilah, These boots are made for walking, The future shape of sound und dem Loch im Eimer. Den Ort des Geschehens, den gibt es nicht mehr. Der Tränenpalast. Abgerissen. Nur die historischen Mauern, die stehen noch. Unsere Mauern, die fallen immer wieder. Werden neu gebaut. Wieder abgerissen. Wiederaufgebaut. Ein Balkon wär doch nett. Ausblick. Neue Farbe an die Wände. Seelenfrieden. Nur die Säulen, die bleiben. Ein gewachsenes Fundament. Würde eine wegbrechen, wäre es tragend tragisch. Wenn der Pott aber nu en Loch hat, dann haben wir den sozialen Kitt.

Inga Berentzen, 30. Januar 2009



la dispute

Ich war vor einigen Woche essen. In Köln. Nach der Arbeit.
Neben meinem Gegenüber und mir saß ein Paar, dass sich den ganzen Abend gestritten hat. Über alles. Ständig. Weghören unmöglich. Na ja, einen Streit konnte man es nicht direkt nennen: Sie hat ihn beschimpft, permanent, ohne Pause. Sie hatte furchtbar dunkle Augenringe. Wahrscheinlich beschimpft sie ihn auch nachts. Es war also nicht so eins von diesen Paaren, die sich nichts mehr zu erzählen haben; sie hatte viel zu sagen. Am Ende über Benzinpreise. Sie fand seine Ansicht offensichtlich scheiße. Irgendwann sind sie gegangen und sie hat weitergeschimpft. Ich war mir sicher, dass ich am nächsten Tag im Kölner Stadtanzeiger lesen würde: Mann erschlug Frau mit Axt nach Streit. Nix da. Mein Gegenüber sagte irgendwann: "Wollen wir auch streiten? Aber worüber? Wir kennen uns noch zu wenig, um zu wissen, worüber wir streiten können." Und Bezinpreise sind wirklich ein bißchen zu banal. Ich wünschte manchmal, das könnte man immer sagen, aber dann wäre das Leben wohl furchtbar langweilig.

Paula Döring, 22. Januar 2009



Einen großen Pott Heissgetränk

Neulich habe ich einem Mann ein Zugticket von Köln nach Berlin bezahlt. Er war kurz vorher ausgeraubt worden. Dem zuständigen Zug-Kontrolleur hielt er eine entsprechende Bescheinigung entgegen. Der aber wollte eine Tickethinterlegung und ihn ansonsten hinaussetzen. Ich habe im Leben auch oft kein Geld gehabt und immer noch oft keines dabei. Der Kontrolleur wies mich darauf hin, dass der Mann kein Deutscher sei und ich das Geld wohl nie wiedersehen werde. Dann schenkte er mir einen Bewirtungsgutschein der Deutschen Bahn. ( "Lieber Kunde, um Sie ein wenig versöhnlich zu stimmen, laden wir Sie zu einem Getränk ein"). Der Bestohlene Nicht-Deutsche hinterliess dann wochenlang Nachrichten im Büro, bis er mich schließlich persönlich erreichte. Die Rückgabe ist mehrfach gescheitert aber wir kriegen das hin. Der Gutschein ist insgesamt sechs Monate gültig. Vielleicht löse ich auch den mal ein.

Heike-Melba Fendel, 12. Januar 2009



Verlorene Posten

In Kreuzberg ist in der evangelisch-lutherischen Kirche seit längerem die Heizung kaputt. Daher fand der Neujahrsgottsdienst auch im Vorraum statt. Ohnehin saß nur ein gutes Dutzend weißhaariger Menschen auf den Pfarrsaalstühlen. Draussen schneite es. Der weißhaarige und -bärtige Pfarrer sang schief und predigte über das Mögliche. Eine Frau habe ihre beste Freundin nach dem Tod deren Mannes nie mehr angerufen, zuviel Anderes kam dazwischen. "Das Mögliche war ihr unmöglich", schloss er. Die Weihnachtsmesse eine Woche zuvor fand noch in der Kirche statt, mit Heizpilzen und Fleecedecken, aber viele, sagte ein freundliches Gemeindemitgied, viele seien nicht dagewesen, es habe sich herumgesprochen, mit der kaputten Heizung. Auch die Stände am Weihnachtsmarkt am Platz der Vereinten Nationen waren gähnend leer, wochenlang bis zum Abbau, gestern. Einsame Budenbetreiber summten zum Gedudel oder aßen die eigene Zuckerwatte und blickten auf das kinderlose Kinderkarussel. Nur ein Stand, ein einziger am Ende der Geisterstrecke, war bevölkert, in mehreren Reihen machten sie sich dort breit, die letzten Gäste; Am Schießstand. Nichts, ist unmöglich.

Heike-Melba Fendel, 05. Januar 2009



Evergreens

Am Wochenende "habe ich Wellness gemacht", was hauptsächlich darin bestand, so oft wie möglich an einem Tag einzuschlafen, schlaftrunken irgendetwas essbares aufzunehmen, dann wieder einzuschlafen, im Bademantel zur Massage zu schlurfen, dabei einzuschlafen, 3 Bahnen zu schwimmen, auf der Liege einzuschlafen, was zu essen, einzuschlafen und kurz bei Wetten dass… wieder aufzuwachen. Dort stellte Thomas Gottschalk, erstaunlich normal angezogen, Ursula von der Leyen die Frage, ob früher oder heute alles besser war. Die Antwort war in Etwa: Alles zu seiner Zeit. Wir suchen gerade einen neuen WG-Mitbewohner, eine spannende Herausforderung, vor allem für die Suchenden, wir sind eine harte Jury. "Hast du die Schuhe gesehen?" - und raus is er. Am Montag war Thomas da, er hatte eigentlich alles richtig gemacht, zumindest schuhtechnisch gesehen. Die ultimative Frage nach der Musik beantwortet er damit, dass er sich sehr auf das neue New Kids on the Block Album freue, die neue Guns ´n Roses Platte solle ja nicht so toll sein. Wie sich das auf unsere WG-Entscheidung auswirkt, lasse ich mal dahingestellt.
Ich war mal bei den Pfadfindern, da ist der Leitspruch: Allzeit bereit. Das passt eigentlich immer.

Inga Berentzen, 19. Dezember 2008



Männer des Jahres

Orkan ist 28, auf trainierte Weise bezaubernd pummelig und ein Liebhaber von pastellfarbenen Cocktails. Sein Kampfhund heisst Shiva und ist ganz lieb, seine Freundinnen sind nicht immer Frauen und wenn er grüßt, reißt er beide Arme hoch und wedelt strahlend aus elastischen Handgelenken. Herr Czeckay ist 32, trägt Sakko zur fashion victim Jeans unter der wiederum schwarze Lackstiefeletten blitzen. Das vielkehlige Barbarellagelächter, das er bei seinem ersten Besuch deswegen einfährt, nimmt er gelassen, denn sein Verstand glänzt wie seine Schuhe. Sein Ehrgeiz macht ihm selbst am meisten Spass und die Ausschläge seiner skill/will Kurve sprengen jedes Koordinatenraster.
Orkan ist vor einem halben Jahr nebenan eingezogen und hat sich viele Pakete bei uns abgeholt, weil er nicht gerne früh aufsteht.
Herr Czeckay kommt aus Düsseldorf, nicht einmal das mag man ihm vorwerfen.
Beiden sagen wir, was wir wollen und beide machen daraus das Beste. Unsere Worte verwandeln sich unter ihrer Arbeit zu Wunderwerken. Man könnte es professionell nennen, aber das sind viele andere Frisöre und Anwälte auch. Diese beiden behandeln, was wir auf und in unseren Köpfen haben virtuos. Sie lieben alle Kunden, also uns.
Beide kommen zu unserer internen Weihnachtsfeier kommende Woche. Sie werden sich sicher gut verstehen.

Heike Melba Fendel, 12. Dezember 2008



"Die Neue“ an Weihnachten

Ich bin momentan „die Neue“. Diesen Titel hat mir offiziell niemand gegeben- und doch ist dies mein aktueller Status. Die Neue war ich genaugenommen ziemlich oft. Durch die Umzugslust meiner Eltern „die Neue“ in der neuen Umgebung, „die Neue“ in den Kindergärten, „die Neue“ der Schulen, „die Neue “ im Job, „die Neue“ der Mä... ach, das geht zu weit. Fragt man sich, wie lange ist man neu- und was ist man danach, alt? Neu geht über in Gewohnheit - man könnte es auch Tradition nennen. Womit wir bei Weihnachten wären.
Ist diese flimmernde und von Erwartungen geschwängerte Zeit im Dezember eine alte Tradition oder eine immer wieder neuentdeckte Vermarktungschance für armselige Werber? Ja, ich weiß, ich bin nicht die erste, die diese Frage in den Raum stellt, doch bringt mich mein Vater dazu, dies erneut zu analysieren. Er ist der größte Weihnachtsgegner, den ich persönlich kenne. Zitat: „so ein ausgedachter Schwachsinn“.
Interessanterweise kenne ich kaum jemanden, der sich so deutlich auf den 24. freut, wie er (mit immer neuen Versuchen, dies zu vertuschen). Schließlich sieht sich die Familie ja nicht so oft- und deshalb sei das ja ein ganz praktischer Anlass. Gerne erzählt er mir auch die Geschichte meiner „Erzeugung“. Meine „ältere“ Schwester, also die ehemals „neue“ Tochter meiner Eltern, wurde liebevoll an Heiligabend mit dem Klassiker „Oh Kinderlein kommet, oh kommet doch bald“ besungen (das allein ist für einen Gegner schon sehr obskur)- ich soll in dieser Nacht gezeugt worden sein! Bin auf die Studie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, die in der Fachzeitschrift «Acta Obstetricia et Gynecologica Scandinavica» veröffentlicht wurde, gestoßen. Demnach kommen ende September die meisten Kinder zur Welt.
Alt bin ich auch- doch dieses Kapitel erspar ich Euch!

Anna Claußen, 04. Dezember 2008



Sitzenmachen

Natalie hat einen Hund, den sie mit ins Büro bringen darf. Unter anderem deswegen, weil er sich setzt, wenn man "Platz"sagt. Und zwar egal wo.
Bei Veranstaltungen sieht das ganz anders aus. Es heisst auch nicht Platz sondern Placement und ist ein Punkt so wund, wie kein Hundepo es je werden wird. "Wo sitz` ich denn?" wird dann vor dieser und jener Preisverleihung so beiläufig als Frage hingeschlenzt und wehe, es ist nicht neben dem Bundespräsidenten, oder dem Programmdirektor des ZDF, oder dem Hauptsponsor. Oder wehe, es ist neben dem Bundespräsidenten, dem Programmdirektor oder dem Hauptsponsor. Viele Leute sitzen auch nicht gerne neben der eigenen Frau. Andere haben ein steifes Knie, sagen sie, weswegen sie ganz aussen sitzen müssen. Das sind meistens die Kettenraucher. Wieder andere kommen "dann eben gar nicht", wenn sie sich als falsch platziert erachten. Schlimme Drohung, das. Ach ja die Drohungen, Herrchen wird böse und beschwert sich, gleichsam als Klapsersatz, über "die mit der Durchführung beauftragte Agentur". Völlig in der Klapse wähnt man sich dann am Veranstaltungsabend, wenn fuchtelnde Menschen mit hochroten Köpfen vor einem stehen und VERRRLANGEN und zwar sofort, dass sie einen ordentlichen Platz bekommen.Tollwut ist da gar kein Vergleich.
Wir haben, das ist aber echt eine Weile her, mal eine vierstufige Sitzaufteilung gemacht in "VIPs", "Speckgürtel", "Provinz" und "Der Rest". Ich fürchte, das war meine Idee. Wie auch der Plan, jeder Gruppe eine Spielkarte zuzuordnen: Pik, Karo, Kreuz, Herz. Die sollte den klassifizierten Gästen dann den Weg zur passenden Sitzzone anzeigen: die ersten drei Reihen Herz, die nächsten 10 Karo und so weiter. Das nun hat niemand verstanden, die Hostessen schon gar nicht und am Ende saß jeder, wo er wollte.
Man könnte es ganz anders angehen, esoterischer zum Beispiel. Im Feng Shui gibt es ja die Lehre vom guten Platz, irgendwas mit Erdströmen und Ähnlichem, weswegen sich Katzen in Räumen immer an bestimmte Stellen legen. Und Hunde auch.

Heike-Melba Fendel, 27. November 2008



Form follows function...

Was bei Bürostühlen aufgrund von Aerodynamikvorteilen längst erkannt wurde, scheint in der Auswahl des Mannes noch nicht als Trend angekommen zu sein. Insbesondere Frauen in den "twentyten", und davon gibt es bei uns einige, sind dem Mann mit der Typbezeichnung "Blender" (gerne noch das "-mann" dahinter denken) immer noch auferlegt. Dabei ist doch schon in der Käuferforschung erwiesen, dass das Produkt, dass in Sichthöhe platziert wird, jeder haben will, daher ein Kampf vorprogrammiert. Rabattaktionen sind immer nur für kurze Zeit (und morgen wird's wieder teuer, der alte Hornbach Spruch zählt auch hier) oder sollen Mangelware vertuschen, Luxusgüter hingegen bedürfen zumeist ausgiebiger Pflege. 2 Jahre Garantie, ein schöner Schein, und dann sind doch die Abnutzungsspuren nicht mit versichert. Statt den Blick zu heben, lohnt es sich auch mal in die Ecke zu gucken, denn bei traditionellen Gütern, da weiß man, was man hat. Muldensitz und höhenverstellbare Armlehnen für ein entspanntes und stressfreies Sitzen sind nun mal äußerst angenehme Ausstattungsmerkmale und im Aussitzen wichtiger als "frisches Design mit modernster Technik".
Die Dinge, die wir sehen, und die Dinge, die wir wollen, sind nun mal oft 2 paar Schuhe. Noch sitzen wir auf unbequemen aber todschicken Designholzstühlen aus den 70ern...

Inga Berentzen, 22. November 2008



Die Luft ist raus

Mein Berliner Vermieter hatte mir zum Geburtstag ein Fahrrad geschenkt. Genauer gesagt, eine blank polierte Fahrradklingel. Das eigentliche Rad musste ich mir während der folgenden sechs Monate erquengeln. Dabei war die Klingel ja das Symbol für das richtige Geschenk. Das Fahrrad nun war ständig platt, mal vorne, mal hinten. Wie gut, dass es kurz vorm Alex einen Fahrradladen gibt, wo ein Pumpgerät zur kostenlosen Nutzung bereit steht. So etwas gibt es in Köln nicht, aber dafür sind hier die Männer auf den Straßen hilfs- also pumpbereiter. Ich dachte, ich hätte vorn und hinten Löcher im Reifen meines Berliner Rades, die sich kurzzeitig immer wieder wegpumpen lassen. Bis mein Vermieter begann, mir regelmäßig mein Rad vom Hausmeister in den sechsten Stock hieven zu lassen. "Damit sie Dir nicht immer Luft rauslassen". "Die" waren nun also meine Nachbarn, die mein lila Rad nicht auf dem roten Flurteppich im Eingang ertragen konnten. Am Strausbergerplatz gilt offenbar eine eigene Farbenlehre. Und eine eigene Pädagogik. Das Dumme war nur. Ich hatte monatelang nicht bemerkt, dass ich bestraft wurde. Das Luftrauslassen war also auch ein Symbol. The bicycle formerly known as pumped.
Neulich war ich in Köln im Kino, als ich rauskam, war der Vorderreifen dann hier auch platt. Glasscherbe oder Fehlverhalten? Bierflasche oder Blockwart? Die können mich jetzt alle mal. Ich fahr Taxi und strafe die Umwelt. Aber wenigstens mit Ansage.

Heike-Melba Fendel, 14. November 2008



Sicherheitsbestimmungen und Fahrkartenmissbrauch

Heutzutage gibt es für viele Angelegenheiten Sicherheitsbestimmungen; vor allen Dingen Reisen und deren Buchungen funktionieren nicht mehr ohne. Für vieles habe ich Verständnis und frage gar nicht erst nach, ob es einen tatsächlichen Sinn dahinter gibt. Sicherheit ist ja an sich eine sinnvolle Angelegenheit.
Ich bringe sogar Verständnis dafür auf, mich am Flughafen meiner Schuhe und Strumpfhose zu entledigen um den Beweis anzutreten, dass sich darunter keine Schusswaffe, Bombe oder ähnlich böses Werkzeug verbirgt. Ich verpacke meine Kosmetika in winzige Tüten ohne darüber nachzudenken und habe das gute Gefühl, einen sicheren Flug anzutreten. Soweit so gut!
Die Bahn hat es allerdings geschafft, mein Verständnis für sämtliche Sicherheitsbestimmungen dieser Zeit auf ein Mindestmaß zu reduzieren... Ich buche viel und habe dadurch recht häufig das Vergnügen mit wechselnden (auch wechselnd kompetenten) Bahn-Servicecenter-Mitarbeitern zu kommunizieren. So auch letzte Woche, als ich die Xste Fahrkarte für eines der Barbarella Projekte buchen wollte. Das Prozedere ist einfach: man gibt die Reiseroute und alle sonstigen Informationen zum Reiseteilnehmer durch, die Zahlung erfolgt per Lastschrift oder per Kreditkarte. Man erhält eine Auftragsnummer unter der das Ticket am DB Automaten abgeholt werden kann und auf Wunsch gibt es sogar eine Bestätigung per Mail oder SMS.
Dieses System der recht einfachen Reisebuchung bei der deutschen Bahn ist nun überholt. Die Vergabe von Auftragsnummern ist den Mitarbeitern der Bahn nicht mehr gestattet. Wenn keine postalische Zustellung möglich ist, wird halt nicht gebucht.
In einem langen Gespräch, dass von meiner Seite sehr verständnisvoll verlaufen ist, haben ein Bahn-Servicecenter-Mitarbeiter und ich versucht zu erörtern, warum ein alt bewehrtes System denn nun plötzlich abgeschafft wird.
Die einfache Antwort lautet: ES WURDE MISSBRAUCH BETRIEBEN! Mit den Auftragsnummern, die die Bahn vergibt, wurde Missbrauch betrieben und daher gibt es neue Sicherheitsbestimmungen für die Buchung von Fahrkarten. Nachdem mich diese Erklärung und vor allem die dahinter steckende Logik fast um den Verstand gebracht hat, konnte mir der Bahn-Servicecenter-Mitarbeiter zum Glück mitteilen, dass bei einer Zahlung mit Firmenkreditkarte weiterhin Auftragsnummern vergeben werden dürfen. Scheinbar ist die Gefahr des Missbrauchs von Auftragsnummern bei Firmenkreditkarten recht gering und ich darf zum Glück fröhlich weiter buchen. Eines möchte ich allerdings an dieser Stelle noch klar stellen (auch zur Beruhigung der Bahn und sämtlicher Bahn-Servicecenter-Mitarbeiter): Ich werde nie Missbrauch mit Auftragsnummern betreiben!!! Auftragsnummernmissbrauch ist wirklich peinlich!!!

Lena Kämper, 07. November 2008



Wir sind schwanger

Wenn man Schauspieler, und insbesondere Schauspielerinnen betreut, begegnen einem die unglaublichsten Anfragen, an die man sich aber mit der Zeit gewöhnen kann. Anfangs echauffiert man sich noch hier und da, dann wird man gelassener und schiebt die besonders absurden Ideen, nachdem man sie zur Belustigung der Kollegen in die Runde geschickt hat, in den Papierkorb. All diese „Wir-schminken-Krebskranke-bis-es-ihnen-besser-geht und schwimmen-mit-Delphinen-Anfragen“ kann man wegstecken, aber es gibt eine Steigerung:
Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt ist die Schwangerschaft des Mündels, wie ein langjähriger Mitarbeiter dieses Hauses die von ihm betreuten Künstler zu nennen pflegte. Da öffnen sich plötzlich ungeahnte Betätigungsfelder und der Kreativität meist weiblicher Ideenüberbringerinnen ist kein Graben zu tief, keine Schublade zu flach. Da geht es um Geburtsgel, dessen Bekanntheit durch Prominenz gesteigert werden soll, um Gipsabdrücke vom Bauch, die für einen guten Zweck versteigert werden, das Mamiweb oder um eine private Stammzellenbank mit prominenten „Einlagerern“. Da kann man schon mal Probleme mit der Ich-Abgrenzung bekommen, wenn die allein ob der Schwangerschaft einer anderen Frau komplett euphorisierten Fragenstellerinnen einen vor lauter Aufregung mit dem Objekt ihres Vorhabens verwechseln und voller Inbrunst, ja fast entrückt, ihre Ideen schildern; Zumal verschreckt bis pikiert reagiert wird, wenn man dem Vorgang mit einem nüchternen, aber deutlichen "NEIN" begegnet.
Minutenlang saß ich mit offenem Mund vor meinem Telefon als eine Dame unser Gespräch mit den Worten „Na, dann alles Gute für die Entbindung Frau Miebach“ beendete.

Lis Miebach, 30. Oktober 2008



Klima

Der Klimawandel ist eines der beliebtesten Themen in der letzten Zeit. Überall wird man damit konfrontiert. Als ich letztens nach Hause kam ist mir beim Einschalten des Lichts die Glühbirne durchgebrannt. Da ich als Studentin im Haushalt eher unorganisiert bin, habe ich die Gelegenheit genutzt den nächsten Baumarkt zu erkunden, um neue Birnen zu kaufen. Im Baumarkt angekommen, habe ich den nächstbesten Mitarbeiter zur Seite genommen, der mich in die Glühbirnenabteilung begleitet hat. Ich muss schon sagen, beeindruckende Auswahl. Dann versuchte ich dem netten Mitarbeiter klar zu machen, dass ich nur eine simple Glühbirne für meine Deckenleuchte brauche und am besten die Günstigste. Plötzlich entgegnete mir ein empörtes Gesicht. Das fand der Baumarktangestellte nicht so lustig und hielt mir einen gefühlten 30-minütigen Vortrag, wie fahrlässig die Verbraucher doch mit der Energie umgehen - von den Energiekosten und den Umweltproblemen mal ganz abgesehen. Als Vorschlag zur Güte entschloss ich mich dann doch eine Energiesparlampe zu kaufen. Blöd nur, dass mein neues aber immerhin klimafreundliches Licht total scheußlich ist.

Kyra Schnadt, 24. Oktober 2008



Zum Diktat

Sascha Lobo trägt nach eigenem Bekunden einen rosa Iro damit er aussehe wie ein Arschloch. Wir waren mal beide Teilnehmer einer Gesprächsrunde. Er als Internet-Experte, ich als Expertin Expertin. Ein Mann warf ihm vor, 90 Prozent aller Dinge im Internet seien Scheiße. Daraufhin zitierte Sascha Lobo jemanden, der gesagt hatte, 90 Prozent von allem sei Scheiße. Und überhaupt heisse es das blog und nicht der blog, wie alle immer sagen. Wir haben uns danach ein paar mal gegenseitig zu Dingen eingeladen, aber beide haben wir es nie geschafft zu kommen.
Neulich traf ich Sascha bei der SPD. Da ist auch 90 Prozent Scheiße. Wir haben jetzt ein Barbarella Blog, erzählte ich ihm, und alle sagen wir das Blog und reihum schreibt jeder im Team ein das Blog einmal die Woche. Ein Blogbeitrag, sagte Sacha geduldig, Du meinst jeder schreibt ein BlogBEITRAG.
Mir doch egal. Meine Mutter war Sekretärin und konnte Kurzschrift. Unlesbare notenähnliche Kringel, nach mit fester Stimme vorgetragenen Chefsätzen. Zuhören, einkürzen und wieder zur Unterschriftsreife strecken. Heute tippen die Chefs zehnfingerblind in ICEs, Senator-Lounges und sonstwo. Und wir schreiben was auch immer. Bloss kein Dikat.

Heike-Melba Fendel, 20. Oktober 2008



Jetzt ja

Früher erkundigte man sich "Wie geht es Dir?", dann kamen gefühligere Zeiten, wo ein intensives "Geht es Dir gut?" intoniert wurde und heute, da fragt man "Bisse im Stress?" oder gleich, rhetorisch gewendet "Bissim Stress, ne ?". Schön auch die Nervensägenvariante "Ich weiss ja, du biss im Stress, abba..." Die Wahrheit ist: Zuviel "S" macht Stress. Das dreifache "S" ist der Botenstoff von einem - gerne auch fröhlichen - viel zu dem nervigen Zuviel; Es ist die Trägerrakete die eine Tätigkeit in die Umlaufbahn des Unerträglichen schiesst. Im Stress ist man nicht, man wird da rein geesst. Er ensteht nur dort, wo er benannt wird. Und also ist die einzige Antwort auf derlei Fragen: "Jetzt ja." Stress haben immer nur die Leute, die danach fragen, vom vielen Fragen. Vom vielen Nachdenken darüber, ob irgend jemand, im Zweifel sie selbst, dort ist. Die froh sind, wenn die anderen nichts tun können, die sie dort, im Stress verorten, weswegen sie, die Fragenden, dann selbst leider mal gar nichts mehr tun können. "S" -Störung nennt man dieses Phänomen. Heute kam unser netter Kurierfahrer Peter mal wieder ins Büro: Er bestaunte die vielen neuen Menschen an neuen Schreibtischen mit Funktelefon und Wlan, freute sich über Unmengen zu transportierender Güter, griff sich ein Brötchen vom Catering Service und sagte: "Ich lass` Euch mal in Ruhe arbeiten". Genau, die Ruhe, die haben wir nämlich weg.

Heike-Melba Fendel, 10. Oktober 2008



Girls rock your boys

Stimmt, Menschen die schreiben, fahren kein Auto, bestätigte mir neulich ein Freund. Soso. Waren die fahrbaren Untersätze doch immer fester Bestandteil der vornehmlich männlichen Sozialisation - sei es das frisierte Mofa des Vorstadthalbstarken oder der standesgemäße Schlitten des Geschäftsmanns von Welt. Nun soll das Nicht Besitzen oder Nicht Benutzen zur veritablen Charaktereigenschaft werden? Das hat natürlich einen Vorteil: So bleiben die schon beschriebenen Hände frei, um beseelt mit eben diesen die Bisons reinzuholen.
Inga und ich waren diese Woche auf einem bestuhlten (!) Konzert von Billy Bragg: Toll, wäre nur das Publikum nicht gewesen: Hunderte, von Wolfgang Niedecken & Co. sozialisierte Südstädter, die ihre vermeintlich politisch korrekten Hintern nur zur unumgänglichen "New England" - Zugabe vom gepolsterten Stuhl erhoben haben. Die Wartezeit bis zum großen Finale haben die meist in unansehnlichem, aber vernünftigem Schuhwerk steckenden Pärchen damit verbracht, bedeutungsschwangere und verklärte Blicke über die alten Zeiten auszutauschen, die rückblickend wohl etwas wilder ausfallen als wirklich erlebt. Und mit stolz geschwellter Brust wird beim nächsten Spieleabend noch mal auf das Vertreiben der Nazis aus Köln vom letzten Wochenende angestoßen, bevor ein weiterer Zettel im Vermieter-Imperativ im Hausflur aufgehängt und das verhaltenskreative Kind ins Bett gebracht wird. Wir waren übrigens mit meinem Auto dort. Inga fährt kein Auto. Das nun wieder hat völlig andere Gründe.

Lis Miebach, 06. Oktober 2008



Freie Hand

Ich habe keinen Führerschein. Das finden die Menschen meist seltsamer, als sie es finden, kein Kind zu haben. Also, nie gemacht oder abgegeben? ist dann oft die Anschlussfrage. Auch das wird angesichts von Kinderlosigkeit nicht gefragt.
In Berlin wohne ich an einer achtspurigen Straße. Wenn ich gegenüber am Strausbergerplatz den Morgenkaffee holen will, dauert das 10 Minuten. Die Autoströme versiegen in der Früh schier gar nicht. All diese Wagen parken dann später in schlimmen Betonkonstruktionen mit Sehschlitzen, wenn überhaupt Tageslicht reindarf. Garagen sind auch schlimm. Außer Werkstätten im Hinterhof mit schicken Mechanikern ist alles autohafte hässlich. Und die gibt es auch kaum mehr und wenn, dann heissen die Männer dort jetzt Mechatroniker.
Die Zahl der Auto-Neuzulassungen vergrössert sich proportional zum Rückgang der Geburten. Ich glaube, das hat mit den Schildern und Ampeln zu tun. Einfache Regeln, kein Ermessungsspielraum - so fährt man gutin diesem Land. Nun ist ja viel vom Elternführerschein die Rede. Wahrscheinlich mit Prüfungen beim EÜV, dem emotionalen Überwachungsverein. Der Laufstall am besten auch aus Beton. Zum Üben.
Menschen die schreiben haben außerordentlich oft keinen Führerschein. Achten Sie mal darauf. Vielleicht weil man beim Fahren die Hände stets am Lenkrad hat. Dabei braucht man doch für alles, was im Leben schön und wichtig ist, genau das: Freie Hand.

Heike-Melba Fendel, 26. September 2008



Der Westen schlägt zurück

Das Berlin, wie wir es heute kennen, wäre nicht Berlin ohne den Polit-Entertainment-Komplex. Das beginnt im „Borchardts“ und endet spät nachts unter dem Tresen der „Paris Bar“. Da sind Angela Merkel und Architektenbrillen-Träger Ronald Pofalla zwar schon längst im Bett, aber irgend jemand feiert immer. Wie dieser Staatssekretär-meets-Filmsternchen-Kosmos in verschärfter Form aussehen kann, war in diesen Tagen in der gläsernen HiTech-Landesvertretung von Nordrhein-Westfalen zu beobachten. Nach dem inoffiziellen Motto „Wir haben mehr Einwohner als die gesamte DDR inklusive Ost-Berlin plus ein gutes Dutzend Dax-Konzerne im Land“, machten die Westdeutschen massiv auf dicke Hose. Angie und Münte wurden zumindest von der Lokalpresse gesichtet. Ansonsten gab es eng gepackt auf Gängen und im Garten mit Blick auf die Saudi-Arabische Phantasy-Botschaft leise zischelnd Polit-Klüngeleien aller Coleur; während esoterisch-kreative Schmetterlings-Stelzengänger vom Circus Roncalli für Walldorf-Schulen-Feeling sorgten. Eher beiläufiger Anlass für diese Sause war das fünfjährige Jubiläum der „NRW-Botschaft“ in der preußischen Hauptstadt. Da gab es gediegenen Pop-Pathos von der Band Klee aus Köln, da repräsentierte Benjamin Biolays Schwester Carolie Clemant die französischen EU-Rats-Präsidentschaft und die Le-Pop-DJs aus Köln schlugen die Brücke zur rheinisch-französischen Freundschaft. Ein fettes Feuerwerk wiederum läutete das Grande Finale ein. Zu den Klängen von „En uns´rem Veedel“ der Kölsch-Giganten Bläck Föös sang und schunkelten Polit-Nadelstreifen und Perlenketten-Damen. Auf der Bühne schwoofend NRW-Scheff Jürgen Rüttgers und Kölns OB Schramma. Wären da nicht diese fiesen „hoppla-jetz-komm-ich“-Typen an den Getränke- und Imbiss-Ständen gewesen, die in ihrer Ellenbogigkeit auch ihre 75jährige Großmutter umgehauen hätten, nur um 90 Sekunden schneller ans Promo-Pilsken (wahlweise: Kölsch) zu kommen, man hätte fast vermuten können, das politische Berlin wäre vollends im ewigen Karneval angekommen.

Ralf Niemczyk, 19. September 2008



Zur allgemeinen Verwirrung

"Möchten Sie zusammen zahlen"? - "Ja, genau, zweimal Fisch bitte."
"Das Badezimmer ist auf dem Flur." - "Och ja, ein Doppelbett ist in Ordnung."
Das war: Französisch. Im Urlaub. Letzte Woche. Ich dachte, ich könnte es sprechen, zumindest blendend verstehen, aber der Lauf der Zeit geht auch im Sprachzentrum nicht ganz spurlos an einem vorbei. (Dafür habe ich keine Falten auf der Stirn.) Es gibt ja noch Hände und Füße, auch wenn das nicht zur besten Standhaftigkeit führt. Ich traf einen Freund von mir in Spanien, auch letzte Woche. Der hatte einen Arm in Gips und konnte kein Wort Spanisch. Ich hoffe, er hatte zumindest ein festes Standbein beim Versuch der Konversation.

Inga Berentzen, 11. September 2008



Die einzige verheiratete Frau

Die einzige verheiratete Frau bei Barbarella bin ich. Aber ich war schon verheiratet, bevor ich eine Barbarella wurde. Allerdings nur zwei Monate. Der erste Kommentar zu den anderen bei der Vorstellungsrunde im Büro von Heike war, „das ist Saskia van der Valk und die ist schon verheiratet“. Bei mir ist der Mann also geblieben und das schon ganz schön lang. Ab und zu bringe ich nach dem Wochenende einen Kuchen mit, dann heißt, es die Hausfrau war wieder am Werk oder ähnliches. Naja, damit kann ich leben. Blöd ist, dass niemand hier meinen Mädchennamen kennt. Daher wird meine Mutter, wenn sie mal hier anruft, immer an mich weitergeleitet mit dem Satz „da ist eine Frau Becker für dich“. Wenigstens weiß ich dann, dass es meine Mutter ist – und alle anderen wissen jetzt, wie ich vor meiner Hochzeit hieß. Ein Bügelbrett habe ich von meinem Mann zum Glück nicht zur Hochzeit bekommen, bügeln kann ich trotzdem.

Saskia van der Valk, 05. September 2008



Das Ziel ist im Weg

Im Zeitmanagment gibt es irgendeine Regel, nach der die Menschen in 10 Prozent der Zeit 90 Prozent der Arbeit verrichten und dann geht es angeblich umgekehrt weiter. Oder es geht umgekehrt los und dann gar nicht mehr weiter. Die Lücke beträgt also 10 Prozent. Oder 10qm. Wir hier nämlich haben in unserem Sisalflur (wir berichteten) endlich Parkett verlegen lassen. Bloss ist der Handwerker verschollen und im letzten Flurstück nicht fertig geworden. Auch stecken statt Leisten kleine Holzpflöckchen zwischen Parkett und Wand. Teilfertige Leistung heißt beim Steuerberater, dass wir im alten Jahr eine Rechnung stellen für ein Projekt, das erst im neuen stattfindet. Das ist gut für die Bilanz des alten Jahres und schlecht für die Moral des kommenden. Unser Handwerker kommt aus Äthiopien und hat sich im Rahmen der ganzen Verlegerei so gut mit dem betreuenden Großhandel gestellt, dass er nunmehr zum Vorzugspreis Fertigparkett nach Addis Abeba verschifft. Blöd wäre nur, wenn unsere restlichen 10qm mitverschifft worden wären. Wir erreichen ihn nämlich telefonisch nicht mehr. Dafür kommt jetzt die Putzfrau wieder, die sich ansonsten weigert sauberzumachen, wenn nachts MÄNNER im Flur klopfen. Also haben wir jetzt 100 Prozent Putzfrau und Null Prozent Handwerker. Beider Rechnungen fallen allerdings, moralisch korrekt, ins alte Jahr. Die beiden ausgehängten Türen fallen auch: Bei unbedachten Schließversuchen. Allerdings auf den Kopf der Achtlosen.

Heike-Melba Fendel, 29. August 2008



Aus Liebe zur Arbeit

Ich weiss eher wenig über die Männer im Leben meiner Mitarbeiterinnen. Ausser denen, wo es länger dauert. Aber die laufen dann meistens davon. Also die Männer; oder sie bleiben und dann gehen die Mitarbeiterinnen. Manchmal kommen die Männer auch wieder, aber als was? Also, ich frag da nicht nach. Kinder gibt es sowieso nicht. Außer meiner Tochter, aber die ist auch schon weg. Dabei gäbe es sofort, SOFORT, hier einen Betriebskindergarten. Im Raucherzimmer. Das wäre dann natürlich keines mehr. "Mein Job ist mein Hobby", sagen die Trottel. Aber kann "Mein Job" auch "Mein Mann" sein? Nunja, wahrscheinlich schon, wenns nach den Kriterien von Cosmo&Co geht. Denn "Der Job" ist witzig, fordernd, abwechslungsreich, kreativ, bestätigungsintensiv und glamourös. Und man muß ihm keine Hemden bügeln. Obwohl ich bezweifele, dass das hier überhaupt jemand könnte. Ich wenigstens nicht. Ich habe zwar ein Bügelbrett, aber das bleibt seit Jahrzehnten ungenutzt. Es hat einen zerschlissenen silbernen Bezug und ist ein Andenken. Mein Vater hat es seinerzeit meiner Mutter zu meiner Geburt geschenkt. Unter anderem deshalb habe ich ja eine Firma gegründet: Um bessere Geschenke machen zu können als die Kerle zum Davonlaufen.

Heike-Melba Fendel, 21. August 2008



Valentin

"Love is a stranger" singt Gus Black in einem seiner Songs.
Es war, so meine ich mich zu erinnern, vergangene Woche Mittwoch. Einer der letzten wirklich heißen Sommertage. Nach einem Mittagessen im prallen Sonneschein, natürlich geschäftlicher Art die Zukunft betreffend, beschlossen wir, das heißt Lis, Heike, ein weibliches Barbarella-Talent und ich, unser Gespräch in Heikes Büro fortzusetzen. Von Heikes Büro aus, das muss man wissen, hat man einen direkten Blick auf die gläserne Barbarella-Eingangs-Pforte mit Kronleuchter oben drüber. Mitten im Gespräch fragt Heike plötzlich: Äh, wer ist denn der Yoga-Lehrer da? Neugierig drehen wir unsere Hälse und da steht ein junger Mann in schwarzer, verwaschener Jeans, Flip Flops, weißem T-Shirt mit V-Ausschnitt und schwarzem Lockenkopf. Natalie eilt uns zur Hilfe und erklärt, dass er Fotos von sich zeigen möchte. Unsere Neugier ist geweckt, der fremde Mann wird zu uns ins Zimmer gebracht und darf seine Bilder präsentieren. Sie werden herum gereicht. Er ist kein Yoga-Lehrer, so viel steht fest. Er sagt aber auch nicht, was er ist. Er nimmt auf dem Stuhl vor Heikes Schreibtisch Platz und schaut versonnen in die Runde. Vier paar große Augen mit Fragezeichen- Pupillen schauen ihn an. Heike, ganz Dame von Welt mit offenem Herzen: "Möchten Sie ein Glas Wasser?" Es ist doch so heiß. "Gerne." antwortet der Mann mit österreichischem Akzent, schlägt die Beine übereinander und trinkt. Einfach so. Unser Meeting geht weiter. Keine Irritation in seinen Augen. Er sitzt und schaut. Fünf Minuten, zehn Minuten. Keine Reaktion. Wir fragen, was er denn möchte. Er weiß es nicht so recht. Unsicherer Augenaufschlag. Schauspieler? Model? Schauspieler und dann Model oder umgekehrt? Wir wollen natürlich helfen, Barbarella hat ein großes Herz, geben ihm Adressen, bei denen er doch mal vorsprechen soll. Er schaut noch einmal in die Runde und fragt: "Seid ihr alle Schauspielerinnen?" Wir wissen nicht, ob wir lachen oder weinen sollen. Er erhebt sich, sucht seine Bilder zusammen und geht. Was uns bleibt, ist die Kopie eines seiner Bilder und auf der Rückseite steht: Valentin und eine Nummer.

Paula Döring, 14. August 2008



Der UnentBÄRliXX

Stellen Sie sich vor, Sie betreten einen Raum, in dem sich erwachsene Menschen scheinbar völlig zusammenhangslos Substantive an den Kopf werfen. Willkommen beim Brainstorming. Auch so einer dieser bescheuerten Ausdrücke von Jungs, die ansonsten gerne „Target Group Meeting Points brand-en“ – also Aschenbecher auf Kneipentischen verteilen. Werber begeben sich zu diesem Zweck wahlweise in die Natur oder in eigens dafür eingerichtete weiße Räume. Wir sind aber keine Werber. Wir sagen lieber: Wir denken uns etwas aus. Darin sind wir gut. Normalerweise sind wir auch schnell. Diesmal nicht.
Grundregel des „sich etwas Ausdenkens“ ist, sich einen Zeitrahmen zu setzen, um sich nicht endlos zu verzetteln. Dafür war es längst zu spät. Eine besonders alberne Art, diesem kreativen Prozess Herr zu werden, ist die sogenannte „6-Hüte- Methode“. Symbolisch wird jedem Mitdenker ein Hut und damit eine Perspektive aufgesetzt, aus der er die Vorschläge bewerten soll. Heike hat aber kein Hutgesicht und der Rest Angst um die Frisur - also weg damit. Sich von Herzen auszulachen für einen besonders miesen Vorschlag macht die Sache erst richtig schön hysterisch - übrigens eigentlich total verboten, denn im Sinne des Prozesses sind alle Vorschläge zunächst mal gut. Blödsinn. Ideen hatten wir viele – nur eben nicht die Richtige. Und so rollt diese Kreativ-Lawine auf der Suche nach der genialen Lösung in den folgenden Stunden in verschiedensten Konstellationen über Schreibtische, Büroböden und Raucherzimmersofas.
Ein ungefilterter Einblick:

Lis: „Mein Lieblingswort ist Nichtsdestotrotz.“
Inga: „Ja, und?“
Heike: „Was hat der Papst noch mal gesagt, ich bin nur ein…ein…ein was noch mal im Weinberg des Herrn?“
Lis: „Ein einfacher Arbeiter.“
Inga: „So kommen wir nicht weiter, lass uns doch mal in Richtung Tier denken…“
Heike: „Ich habs: So was wie Enzym, also genauso abstrakt, nur nicht so technisch.“
Inga: „Ehrlich Heike, das ist scheiße, sorry.“
Heike: „Leute…“
Lis: „Sag bitte nicht `Leute`!“
Heike: „Aber Du darfst `Pardonne moi` sagen?“
Lis: „Das ist von Inga!“
Paula betritt den Raum: „Was macht ihr hier eigentlich???“
Heike: „Arbeiten. Und wir müssen jetzt auch mal zu Potte kommen!“
Inga: „Jaahaaaa“
Lis: „Ok, greifen wir zur drastischsten Quelle: Der kleine Prinz.“
Heike: „Das kannst Du nicht machen!“
Inga: „Nee, was ist denn mit Haus und Fundament und so?“
...
Zum Glück war Der-nur-mit-dem Herzen-richtig-sieht nicht die Lösung, das hätten wir uns nie verziehen.

Lis Miebach, 08. August 2008



Ohne die Glamourösesten von allen

Ungefähr 6 Monate war ich nicht bei Barbarella. Anders vorgestellt sind das viele nicht getrunkene Mittagskaffees und ziemlich viel Geld, das nicht beim Oshos gelandet ist, weniger gerauchte Zigaretten und keine Staus auf der A57 von Düsseldorf nach Köln und deswegen weniger schlechte Laune am frühen Morgen. Ziemlich genau vor 6 Monaten ist mein Auto kaputt gegangen. Nicht der Grund für meine Barbarella-Abstinenz, nur der ziemlich perfekte Zeitpunkt für ein Auto, kaputt zu gehen. Der eigentliche Grund war eine 6-monatige Ausleihe nach Düsseldorf. Weil ich da wohne, brauchte ich kein Auto. Andernfalls hätte ich mit dem Zug fahren müssen. Da bekomme ich noch viel schlechtere Laune als im Stau auf der A57. Lis weiß das. Deswegen stand auch auf meiner Barbarella-Einladungskarte, die ich während dieser Zeit zu einer Eröffnung bekommen habe, hinten drauf "is aber in Köln", was die Einladungskarte dann mehr zur Infopost gemacht hat.
In Düsseldorf zu arbeiten war ziemlich gut. Aber irgendwann ziemlich einsam und auf keinen Fall albern. 6 Monate: das ist ne ziemlich lange Zeit - ohne die Glamourösesten von allen. Deswegen fahre ich jetzt wieder nach Köln. Ich bin schon ganz hysterisch vor Glück. Und das Auto: geht auch wieder.

Eva Grammbitter, 31. Juli 2008



Trennarbeit

Ein Mann, der mich in anderer Erinnerung hatte, fragte einmal ungläubig: "SIE?? SIE haben eine Firma??!! Was machen Sie denn da jeden Tag??!!!" Idioten antwortet man nicht, aber für mich selbst kam ich angesichts dieser Frage zu dem Ergebnis: ich maile, telefoniere, sortiere, "meete" . Nur Handwerker machen es besser weil handfester. Ansonsten: Formalisierung des Einerlei. "Wie war Dein Tag, Schatz? - "Wie immer: Mailen.........- ieten." Überall, wo noch gefragt wird.
Andererseits. Wir alle essen ja auch jeden Tag. Auch die Handwerker, die vor allem, die essen auch das Bier. Wir haben jetzt eine Weile mal nouvelle cuisine gearbeitet: gut, aber den Teller nicht so voll. Jetzt zieht es wieder an, das Geschäft und ich adaptiere das Prinzip Trennkost; Von wegen alles einzeln und dann wird man nicht dick. Der Montag also nur Papier, der Dienstag nur Telefon, der Mittoch nur email und am Donnerstag "meeten". Keinen Arbeitsspeck auf Seele und Verstand - Trennarbeit. Donnerstag allerdings hat mir die Telekom für Zuhause ein "Zeitfenster" gegeben: 9-11. Um eins war es immer noch weit offen, das Fenster und die Frage, ob jemals was passiert, auch. Um 18.00 hatte ich dann Telefon, aber sonst nix.
Die Telekom also, hat mein Konzept verfeinert und zu Ende gedacht und mich komplett von der Arbeit getrennt. Auch das Bier hat der Monteur abgelehnt.

Heike-Melba Fendel, 25. Juli 2008



Der grüne Daumen

Neulich war ich bei einer Führungskraft von SAT.1. Es handelte sich um einen netten Herrn mit jogigekrempeltem weißem Hemd und schicker Tuchhose. Der dresscode also state of the art. Im recht großen Eckbüro allerdings stand eine riesige, leicht angeasselte, Fächerpalme. Nun ja, es war ja auch heiß, aber auf Nachfrage stellte sich heraus, dass sie - wie vermutet - von einer Hydrokulturversorgungsfirma geliefert und betreut wurde. Die kaninchenköttelhaften Hydrokultur-Bröckchen waren mal ganz heißer Scheiß in Sachen indoor-Begrünung. Und diese Bröckchen auf Grosspalmen häufeln und in Büros stellen und ab und zu austauschen war mal eine wichtige Geschäftsidee. So ähnlich wie die Wasserspender, die von vergleichbaren Geschäftsideehabern ungefragt ins Büro gewuchtet wurden, "Zum Ausprobieren" und dann monatelang trotz massiver Proteste "Schaffen Sie das Ding raus, passt nicht zu unsererem Kronleuchter!" ungenutzt im Eingang gluckerten. Die marode SAT.1 Palme war nun auch lange nicht frisch beköttelt und sicher erst recht nicht täglich mit destilliertem Wasser aus der Sprayflasche gepffftet worden, wo sie doch schon den Anblick der frischgebauten townhouses vis à vis verarbeiten muss. Servicewüste Deutschland eben, wenns heiß wird, mal sowieso. Da könnte man einen Wasserspender gebrauchen, aber der wurde dann ja doch wieder abgeholt, dann irgendwann. Und das war ja auch in unserem Büro. Da steht auch eine Hydrokulturpflanze. Die hat mir meine Mutter mal vorbeigebracht und also darf sie nicht eingehen. Niemand wechselt allerdings die Bröckchen und auch das Gießen wird oft vergessen. Irgendwann kommt aber immer mal wieder ein neues Blatt. Medien und Pflanzen, irgendwie geht das nicht gut. Beim Jugend- und Finanz- oder Meldeamt hingegen sehen die Topfblumen immer richtig gut aus. Da ist aber auch Erde drin.

Heike-Melba Fendel, 17. Juli 2008



Die Pingeligkeits-Klausel

Wenden wir uns einem heiklen, gleichsam delikaten Thema zu: Dem Verhältnis zwischen der Agentur - in der linken Ecke - und dem verehrten Kunden, der im Boxring des Alltagsgeschäftes schräg gegenüber tänzelt... Da gibt es selbst kurz vor der Projekt-Deadline Sonderwünsche. Stets aus heiterem Himmel; versteht sich. Selbst bei knalleng kalkulierten Freundschafts-Etats sollen im bestellten Früchte-Buffet eine Stunde vor Veranstaltung die Him- doch lieber durch die Johannisbeeren ersetzt werden und das Logo auf der Presseeinladung wird von rechts unten bis nach links oben geschoben.
Das Ergebnis nach gefühlten 17 Korrekturen: Am Ende war am Anfang doch alles besser. Gegen diese Sonderwünsche wird immer häufiger über die sogenannte "Pingeligkeits-Klausel" nachgedacht. Dieser vom rheinisch-französelnden Mundart-Adjektiv "pingelig" abgeleiteter Passus beinhaltet: Eine Sondergebühr, abzurechnen etwa im 15-Minuten-Takt, soll - zumindest in der Theorie - die wüstesten Auswüchse der Pauschal-Deal-Ausnutzung mildern.
In der Praxis würde das etwa so aussehen: Bei den üblichen Kurzfrist-Telefonaten meldet sich automatisch eine blecherne Stimme aus dem Off: "Achtung! In dreißig Sekunden wird die Pingeligkeits-Klausel wirksam."
Das sind so die Tagträume an einem eher Wolken verhangenen kölschen Juli-Montag...

Ralf Niemczyk, 14. Juli 2008



Alles zu seiner Zeit

Manchmal, im Morgengrauen am Ende einer langen langen Nacht, kann man die Zeit überwinden und so lange geschützt im Gestern verharren, bis einem keine andere Chance mehr bleibt, als sich wieder in den Lauf der Dinge einzufügen. Langsam und geduldig, geschützt vom Panzer des Erlebten. Gestern ist lang her, morgen ist lang hin. Und das Raum-Zeit Gefüge scheint für einen Moment beweg- und beeinflussbar. Wenn ich durch die Zeit könnte, würde ich Joe Strummer treffen wollen, irgendwo an einem Lagerfeuer seiner Wahl, irgendwann, das können andere entscheiden. So hat wohl jeder sein verpasstes Date, das einen wie ein guter Freund durchs Leben begleitet. Vor kurzem ist Yves Saint Laurent gestorben und ich schaue ein Zimmer weiter und sehe: Eine verpasste Chance mehr, die nun zum treuen Begleiter wird. Ein Kölner Produzent sagte neulich bei einem Treffen: "Ach ja, dieser Modeschöpfer ist doch gestorben, wie heißt der noch..... Lagerfeld, oder?". So werden die Helden der Einen zu den Namenslücken der Anderen. Gut so. The future is unwritten.

Lis Miebach, 03. Juli 2008



Kuschelrheuma

"Ich guck lieber zu Hause Fußball, dann kann ich mich besser auf das Spiel konzentrieren". Das ist keine Einzelmeinung. Jungs, heute ist HALBFINALE! Wenn Diddlmaus-Mädchen in Deutschlandfahnenröckchen in der Kneipe stehen und versuchen eine Oktave tiefer zu kreischen als bei The Dome 900578 um nicht ganz aus dem Rahmen zu fallen, fletzen sich die Jungs gemütlich mit Adiletten vor den heimischen Fernseher. Zu meinen BWLer Zeiten kam das Trendwort "Cocooning" auf, auch "Stubenhocken" gennant. Lieber alleine allein als gemeinsam einsam sein scheint der Tenor der langsam endenden 00er zu sein. Aber: Wir sind hier nicht in Seattle Dirk, raus aus den Puschen. Und bitte nicht mit der Freundin knutschend vor meiner Nase beim Fußballgucken in der Kneipe stehen ("Soll ich dir noch ein Bier holen, Schatz", fragt ER sie, und es war noch nicht einmal Halbzeit). Wo sind all die Männer hin, die die Bisons reinholen können, wo sind Sie geblieben...? Gott sei Dank ist DER MANN wieder da. Wenigstens einer, der nicht auf Kastanien-Allee-Frisuren steht.

Inga Berentzen, 25. Juni 2008



Ein Fleck

Unser Büro hat einen sehr langen Flur. Auch der Eingangsbereich ist lächerlich groß. Deswegen stand das Objekt auch lange leer. Zuviel nutzloser Raum. Wir mögen das ganz gern, der Flur beispielsweise stellt eine schöne Rennstrecke dar, unterbrochen nur vom Raucherzimmer. Ungefähr auf der Höhe dieses Raucherzimmers hat Kathrin Ast ihren Milchkaffee verschüttet. Auf dem Sisalteppich. Den man bekanntlich nicht reinigen kann, weshalb das Restbüro zwischenzeitlich von uns parkettiert wurde. Bloß der Flur nicht, der ja - wie gesagt - so lang ist und ziemlich breit dazu und der Vermieter beteiligt sich nicht am Parkett. Zu pflegeintensiv, sagt er. Da sollte er sich erstmal den Sisal angucken, phhh. An dem nämlich hat er sich seinerzeit beteiligt. Damit man nun den Riesenfleck nicht sieht, haben wir ein riesiges, mit sisalählichem Bezug versehenes Kissen auf den Fleck gelegt. Mitten in den Flur. Da liegt es nun, rutscht stets hin und her über den Fleck hinaus und wird wieder zurückgelegt, den Makel zu bedecken. Inzwischen ist das Kissen selbst beschädigt, aufgeplatzt an der Seitennaht. Makel auf Makel. Außerdem wundern sich Besucher regelmäßig über das seit 18 Monaten unmotiviert im Gang herumschlingernde Kissen. Wir nicht. Wir gehen drumherum, wir rücken es zurecht. Es hat eine Aufgabe, dieses Kissen und wenn es könnte, wäre es stolz darauf, wie es ehrenamtliche Mitarbeiter gerne sind, deren Ehrenamt auch nicht besser ist als der eigentliche Job, falls es den überhaupt gibt. Unser Kissen wäre auch sicher längst gänzlich entsorgt, wenn es nicht zum Abdecken umgewidmet worden wäre. Sinn macht das natürlich gar keinen, aber eine plausible Metapher für unsere Branche liefert es allemal: Man deckt ein Problem mit einem weitaus größeren zu und gewöhnt sich dran, bis es Teil des Selbstverständnisses wird. Oder Parkett.

Heike-Melba Fendel, 20. Juni 2008



Back for good

DER MANN – wie unsere nicht mehr ganz jugendliche und sanft wahnsinnige Putzfrau sagen würde – ist wieder da. Endlich liegt schon morgens wieder ein lieblicher Duft von Zwiebeln und Eibrötchen in der Luft, endlich wird man schon vor dem ersten Kaffee wieder als Ming-Vase beschimpft, endlich sind englische Hooligans, Kater Carlo-Lesben und Katzenmusik wieder Thema beim Mittagessen und endlich echauffiert sich wieder jemand lautstark über metrosexuelle Jünglinge und Diddlmaus-Mädchen in Deutschlandfahnenröckchen.
Welch ein Glück. Welcome Back.

Lis Miebach, 12. Juni 2008




Merchandise für Alle!

Seit Urzeiten hat der Mensch den Trieb zu jagen und zu sammeln tief in seinem Innern verankert. Diente damals beides noch dem Überlebenskampf in der rauen Natur, so dient das Sammeln und Jagen heute dem Prestige, der Anerkennung und dem persönlichen Stolz. Der Jäger will Trophäen seiner Jagdzüge den Lieben Daheim präsentieren und dafür bewundert werden. Also schleicht er sich bei Dämmerung in die Konzert-Theater und Kinosäle, wähnt sich in deren Dunkelheit in Sicherheit, genießt auch den Schutz der Gruppe, denn schließlich sind alle Anwesenden dem gleichen Lockruf gefolgt. Nach dem Event nutzt er die Zeit, möglichst unauffällig das Terrain, den Merchandise-Stand, zu sondieren und die Objekte seiner Jagdbegierde ins Visier zu nehmen. Die noch unerfahrenen und ungeübten Jäger sind oft etwas exaltiert ähnlich einer Großwildsafari, und versuchen sofort das Begehrte zu erlangen. Der erfahrene Jäger genießt die Gier, die in ihm nun unaufhörlich schreit "kauf es!" bis er nicht mehr anders kann und zu seiner Waffe, der Geldbörse greift. Er stürmt oder pirscht, je nach Jagdtaktik, auf das Objekt zu, und erwirbt mit schnellen, eingeübten Griffen Tassen, T-Shirts, Postkarte, Schlüsselbänder, einfach alles was ihm vor die "Flinte" kommt, um es endlich stolz und erschöpft in Händen zu halten. Der Jäger hat sein Ziel erreicht und glaubt seinem Idol ein Stück näher gekommen zu sein. "Der Wille zum Schein, zur Illusion, (...) ist tiefer als der Wille zur Wirklichkeit!" Das erkannte schon der alte Nietzsche.

Lavinia Reinke, 05. Juni 2008




These boots are made for walking

Barbarellas Entertainment...???, anzügliche Bemerkungen der Klienten unserer Berliner Büronachbarn, einem Psychologenteam welches meistens junge und wilde Männer auf die Wiedererlangung ihrer Fahrerlaubnis vorbereitet. Immer noch besser als Eros Entertainment, einem international aufgestelltem und sehr erfolgreichen Vertreiber von family-valued Bollywoodfilmen, aus dessen Liason mit Lionsgate - auf der Eros Jacht beim diesjährigen Festival in Cannes verkündet - demnächst Remakes von Filmen wie "Dirty Dancing" im indischen Gewande entwachsen werden.
Überhaupt die Jachten in Cannes, für horrendes Geld von Gewinnlern der New und Old Economy an Filmtätige vermietet, taugen sie kaum als Meeting Point oder Ähnlichem. Alle Besucher haben sich ihres Schuhwerks zu entledigen, entblößen dabei fußpflegetechnische Defizite oder sehen aus als ob sie nach dem Sandmännchen ins Bett geschickt würden - vor den Booten dann rauchende Männer in Socken. Da lobe ich mir das Kellergeschoß des Filmmarkts in Cannes, nix mit mondän, Troma Entertainment bietet filmische Großwerke wie "Poultrygeist: Night of the Chicken Dead" und "Surf Nazis must die" an und alle haben Schuhe.
Wie hier im ehemaligen Haus des Reisens am Alexanderplatz, nach Daimler-Chrysler, der Allianz, der Telekom, dem ADAC und Multi-Polster wird das monströs große Parterre von Humana, einem gemeinnützigen Altkleiderhandel belegt - Schuhe gibt's da auch…

Michael Stehr, 28. Mai 2008




Words don´t come easy

Schreiben ist Denken sage ich immer zu Leuten, von denen ich denke, dass sie nicht denken können. Dabei ist das natürlich Quatsch. Schreiben können ist eine Eigenschaft. Wer schreibt, bleibt, heißt es. Und wer nicht wirbt, stirbt, sagen die gleichen Leute, die gern in die Binse gehen. Ums Überleben, geht es also bei den Worten, die man macht. Dabei sind dann ja nur die Worte die Überlebenden. Es gilt ja bekanntlich das gesprochene Wort, wie auf vorab verteilten Redemanuskripten gerne zu lesen ist. Das Gesprochene kann sich mit dem Charisma des Sprechers aufladen, das Geschriebene muss sich an der Formulierung schleifen. Thomas Meineke entwickelte in den 80ern (ach die 80er) mal eine Performance, die darin bestand, eine Diskussion mit Freunden aufzunehmen, sie wortgetreu abtippen zu lassen und dies abgetippte Manuskript mit allen Ohs und Ähs und Halbsätzen wiederum vom Blatt öffentlich gemeinsam vorzulesen. Das war bestimmt lustig. "Words, don´t come easy" der Discofox-Klassiker des anglisierten Korsen F.R. Davis war ungefähr zur gleichen Zeit ein Hit. Isabel Coixet lässt 20 Jahre später in "Das geheime Leben der Worte" ihre Hauptdarstellerin Sarah Polley dieses Lied singen. Die von ihr verkörperte Frau hörte es im Autoradio mit ihrer Freundin, bevor ihnen Schreckliches wiederfuhr. Sie singt es mit brüchiger Stimme, sie mochten dieses Lied so sehr, bevor es sich mit dem Grauen verband. Das ist nicht lustig, aber Teil einer Geschichte des Überlebens, für die sie Worte, Bilder und ein Lied gefunden hat. Mit flotter Schreibe also ist es nicht getan. Wenn es den Worten nicht zur Geschichte gereicht, können sie gestohlen bleiben.

Heike-Melba Fendel, 21. Mai 2008




Stets zu unserer Vollsten

Meistens sind es Praktikanten, aber manchmal auch langjährige Arbeitsabschnittsgefährten; Irgendwann zurren sich die Monate oder Jahre zu ein paar, von den Verlassenden vorformulierten, Sätzen zusammen: Das Aufgabenfeld umfasste...stets zu unserer vollsten Zufriedenheit...beliebt bei Kunden und Mitarbeitern - Das Übliche.
Die gemeinsame Zeit dagegen, alles andere als üblich. Konflikte, Nähe, Ringen, Erleichterung und alles was die Fragilität eines teilfunktionalen Miteinanders sonst ausmacht in 3 Absätze sperren, das wird eng. In der Enge des Üblichen hat nur die Floskel Platz. Was das Klischee fürs Gefühl ist die Floskel für den Begriff, der kleinste gemeinsame Nenner. Man weiß, was gemeint ist, weil nichts gemeint ist außer dem Wiedererkennungswert, die Geborgenheit im Ritual des Bedeutungsverlustes. Die Floskel hat die work life balance längst geschafft, die Liebe versandet in dem Satz "Lass uns Freunde bleiben", die Esoterik ist nie über sie hinausgekommen "Wer weiß, wozu es gut ist" und die Mode, naja, da kann man auch mal ne Jeans zu tragen.
Vielleicht ist es an der Zeit, eine Kündigung vorzunehmen, einer Massententlassung käme es gleich: Die Trennung von der Floskel erfolgte in gegenseitigem Einvernehmen. Wir wünschen ihr alles gute auf ihrem weiteren Lebensweg und stellen uns neuen Herausforderungen.

Heike-Melba Fendel, 16. Mai 2008




Freitags kochen wir immer zusammen...

...so erzählen wir gerne unseren neuen Mitarbeitern und Praktikanten. Seit Kathrin nicht mehr da ist, bleibt die Küche auch freitags meistens kalt. Wenn wir es doch schaffen, ist es ein nicht allzu leichtes Unterfangen. Paula isst nichts Weißes und kein Gemüse, außer Pilze. Inga mag aber keine Pilze, Lis keine Paprika, Saskia kein Fleisch. Aber sonst essen alle (fast) alles. Meist landen wir dann doch beim Klassiker Nudeln mit Tomatensoße und Salat. Geht schnell und schmeckt, na ja, manchmal. Danach Milchkaffee für alle - aber nur einen Mittagskaffee. Und weil Freitag ist, ist´s nicht mehr lang zum Wochenende!

Saskia van der Valk, 07. Mai 2008



You are so next season, darling!

"Tragt ihr da alle Stiefel und seid blond?" ist oft die erste Frage, die ich höre, wenn ich sage, wo ich arbeite. Nicht besonders einfallsreich die Frage, aber: ein paar von uns sind wirklich blond, Stiefel tragen wir auch gerne, aber niemals über der Hose. Palli-Tücher: ein absolutes "No Go", um im Fashion-Jargon zu bleiben. Ballerinas zu Röhrenhosen sind verpönt. Ja, Barbarella und die Mode, ein ganz eigenes Kapitel.
"Das versteht ihr einfach nicht" sagt Heike oft. Nein, die gepunktete - Verzeihung, die von Hand bemalte, Yohji Yamamoto Hose verstehen wir wirklich nicht. Aber das ist ja das schöne an Barbarella: (fast) alles ist erlaubt. Keine biederen Kostüme, sondern lila Strumpfhosen zu Petrol blauen Hotpants, kleine Täschchen, die mit Karabinerhaken an Gürteln befestigt werden (Inga: "Wahnsinnig praktisch!"), Strauss Röcke, die von Dries van Noten sind und ab und an auch mal Kleider, bei denen es eher so aussieht, als hätte da jemand vergessen, eine Hose drunter zu ziehen. Elegante Kleider, Jeans und lila mögen wir allerdings alle. Ja, wir sind eben eine von Frauen dominierte Agentur, aber niemals Mode-Mäuschen oder jeden Trend mitmachende Fashion Victims. Einfach nur Frauen, die sich morgens Gedanken machen. Wie lautete noch einmal das Zitat von Saskia im Kölner Stadtanzeiger? Ach ja: "Die kleiden sich hier alle von sich aus adrett."

Paula Döring, 30. April 2008



Gefühl und Härte

Es geht ums Gefühl. Im Geschäft. Weich werden, nahbar sein, hier und da mal ein Tränchen drücken und sich der gegenseitigen Zuneigung versichern, vom Chef zum Stift, vom CDU zum SPD Fraktions-Vorsitzenden. Morgen wird der Deutsche Filmpreis verliehen, da wird man das Mädchen-Kürzel HDGDL, Hab Dich ganz doll lieb, gleichsam auf alle Stirne tätowiert sehen. In Geheimschrift, die im Strahl der Sentimentalität sichtbar wird, also fortlaufend. Wir, die wir mit Werbern am Tisch sitzen, wir alle wie alle selbst welche sind, produzieren so geschäftig wie geschäftlich Emotionen, on screen wie off screen, Am Laufenden Band. Von wegen weiche Faktoren. Das Zusammenwachsen der unterschiedlichen Medien hat seinerzeit mal das Modethema Konvergenz hervorgebracht: Annäherung bis zum Grenzwert. Das Zusammenwachsen von Gefühl und Markt, von Geschäfts - und Privatleben hat speed dating, Eheverträge und Spätabtreibung bei Mißbildung und Xing groß gemacht. Die Härte hat sich ins Private verzogen, weil es im Geschäft zu nett geworden ist. Dort ziehen Chefs und Personalchefs gecoached und abfindungsaffin ins Entlassungsgespräch. Da ist Schlußmachen im Privatleben billiger zu haben, mit dem Jungs-Kürzel DW zum Beispiel: Das War´s.

Heike-Melba Fendel, 24. April 2008



Fleischeslust

Jeden Tag fragt Paula uns, was wir denn heute essen. Jeden Tag ist die Antwort die gleiche: "Ach Paula...". Wir gehen eigentlich immer zum Oshos. Es gibt dort vegetarische Kost, wir sind zwar keine Vegetarier, aber der Oshos, der ist ja nicht blöd und versteckt das vegetarische in kreativen Menütiteln: Tofustroganoff, Seitangulasch, vegetarische Hackbällchen und Tofu-Cordon Bleu, so ist für jeden was dabei. Spätestens aber am Freitag hallt der Ruf: "Currywurst!" durchs Büro. Am Montag rief mich eine Dame vom RBB an, es ging um ein telefonisches Vorgespräch mit Dieter Moor zu einer Talksendung, Thema Bio und Genfood.
Sie: "Betreibt er denn auch Ackerbau?"
Ich: "Nein, nein, Fleisch. Er schlachtet. Er produziert Fleisch. Wie nennt man das noch mal? Fleisch eben".
Und dabei war doch erst Montag.

Inga Berentzen, 17. April 2008



Auch Männer brauchen Liebe

Immer wenn eine Barbarella auf Reisen durch die Republik geht, sagt Heike zum Abschied: „Viel Spaß! Und denk` daran, den Mann fürs Leben kann man überall treffen.“. Auch so eine These. Heike liebt es, Thesen aufzustellen und damit Gehör zu finden. Und sie mag es, wenn man ihr widerspricht – ein bisschen zumindest. Um Männer geht es bei uns viel: Um die Richtigen, die Falschen und die Richtigen zum falschen Zeitpunkt. Es geht um Jungs, um Onkels und um eine besonders heikle Spezies: Den Mann-Mann, der seine Geschlechterzugehörigkeit im Namen mit sich – und vor sich her trägt. Die fleischgewordene Tautologie sozusagen.
Gestern habe ich in der Bahn Yusuf kennen gelernt. Alles fing damit an, dass er sich kurz hinter Ulm den Wirtschaftsteil meiner Süddeutschen lieh, um mir kurze Zeit später seine Empörung darüber mitzuteilen, dass Leonard Blavatnik – eh schon milliardenschwer – nun auch noch einen Teil von Air Berlin kauft. Das kann er nicht verstehen, „viel zu viel Ego“, findet er. Der könnte auch Blavatmann heißen, finde ich. Hätte Yusuf eine Milliarde, würde er mindestens 10 Kinder mit 5 Frauen machen („eine alleine kann das nicht schaffen“).
Yusuf kann es allerdings auch nicht verstehen, dass er seine Taxi-Lizenz los ist, bloß weil er seine Fahrgäste bekifft und zu schnell befördert hat. Und von den Psychologen beim Idiotentest hält er schon mal gar nichts, die seien schließlich die schlimmsten Kiffer. Viel lieber will er für Airbus in Sevilla Flugzeuge bauen, das hat er schließlich gelernt und das kann er. Dann die unausweichliche Frage, ob er mich nicht mal treffen kann. In Düsseldorf. Da ist er ab und zu und das sei ja schließlich in der Nähe von Köln. „Mehr aber auch nicht“, versichere ich ihm in Bezug auf die urbanen Gemeinsamkeiten. Jetzt hat Yusuf meine mail Adresse und winkt zum Abschied vom Augsburger Bahnsteig durchs Fenster. Der Zug fährt wieder los und die Suche nach dem Mann fürs Leben geht weiter. Zur Antithese reicht es noch nicht.

Lis Miebach, 11. April 2008



Geldwerte Vorteile

Mein Vater kommt auf seinen häufigen Spaziergängen - "Rentner kommt von Rennen" - gerne bei uns im Büro vorbei, Kaffetrinken, den Kölner "Express" lesen, nach neuen Mitarbeiterinnen gucken und weitere schlechte Witze machen. Ich kenne die Witze und habe meistens keine Zeit. Die ist ja bekanntlich Geld. Aber es geht auch anders: "Da ist eine Frau seit 20 Jahren im Bordell", erzählt mein Vater gerne, "die hat immer noch nicht mitbekommen, dass die anderen Geld dafür nehmen." Aha. Yogalehrer zum Beispiel, werden nach Minuten bezahlt, ein Euro pro Minute. Seitdem ich das weiß, nervt mich das kunstpausendurchsetzte Gerede von den Gedanken, die man vorbeiziehen lassen soll und dem Spüren, wie es einem guttut, noch mehr. Wir nennen, alles, wofür wir kein Geld bekommen, Akquise. So heißt auch die Kostenstelle in der Buchhaltung, auf die alles gebucht wird, was nicht zu Projekten gehört. Natürlich ist es die umfangreichste Kostenstelle. Akquise ist für Firmen das, was für Personen Arbeitssuche ist. Also alles, was Geld kostet und mal welches bringen soll: Feiern, Geschenke, Dinge ausdenken, Dinge verwerfen. mit Leuten reden, nochmal Feiern, Rumfahren, Zeitung lesen. Bücher lesen. Im Agenturdeutsch subsummiert sich mithin alles unbezahlte Handeln zur Vorleistung, alle Arbeit zum Vollzug. Spüren wir, wie uns das guttut?
In die Kunstpause noch ein Akquisewitz aus dem "Express": Ein Mann weint hemmungslos in seiner Stammkneipe. Auf die Frage des Wirtes, was denn los sei, erzählt er, dass seine Frau mit seinem besten Freund durchgebrannt ist. "Den," schluchzt er auf, "werd ich so vermissen."
Auch wir werden die Vorleistungen sehr vermissen, sollte der Erfolg mit uns durchgehen.

Heike-Melba Fendel, 03.April 2008



Du darfst

Seit Jahren wird aus der der Not eine Durft gemacht. Keine Einladung mehr, die nicht der nicht vorhandenen Freude Ausdruck verleiht, jemand begrüßen zu dürfen. Zur Party, zur Filmvorführung, zur Finissage. Auch Preise kriegt man nicht, es ist eine Ehre, sie entgegen nehmen zu dürfen. Macht wie Ohnmacht kleiden sich in falsche Scham.
Früher haben wir "König, wieviel Schritte schenkst Du mir?" gespielt. Da sagte der König, ob und wie jemand sich ihm nähern soll: 10 Hüpfer, zwanzig Gänseschritte, blind. Und wehe, man vergaß zu fragen: Darf ich? Dann gings wieder ganz nach hinten.
Nunmehr ist ja die längste Zeit der Kunde König. Und Kunden sind wir alle. Wir hüpfen und hinken, damit wir auch mal vorne stehen und das Hüpfen und Hinken befehligen können. Das Devote ist nur des Selbstherrlichen Anfang, eh klar.
Vor einigen Jahren erhielt Georg Stefan Troller den Telestar. Er könne, sagte er, als er den Preis in Empfang nahm, sich bei vielen bedanken. "Aber im Grunde," fuhr er fort "verdanke ich diesen Preis allein mir und meiner Genialität!" Er sprach es "Schenialität" aus und meinte es ernst, mit sich, seinen Worten und seinem Publikum. Darum haben auch alle sehr gelacht, so erleichtert waren sie.

Heike-Melba Fendel, 27. März 2008



Leistungsträger

Bis 27 habe ich mehr oder weniger im Bett gelegen. In den 80ern ging das grad noch. Heute arbeiten hier schon 20jährige 50 Stunden die Woche. Naja, sagen wir 45. Viel dürfen sie nicht falsch machen. Die Konkurrenz schläft nicht. Niemand schläft mehr. Die Träume gehen aus. Work hard play hard. Kein Wunder, dass die Filme immer schlechter werden.
Letzte Woche hatten wir alle keine Lust und waren sehr albern. Wir haben uns Geschichten erzählt, Minister geraten (alle 15), DVDs geguckt und sind zum Frisör gegangen. Und haben geraucht. "Nächste Woche," sagt Paula "wirst Du wieder sagen: Warum ist dies und jenes nicht längst erledigt?". Sie sagt das ohne Vorwurf aber mit viel Empirie. Sie ist 24. Sie kennt das Leben. Dieses.

Heike-Melba Fendel, 20. März 2008



Nicht unsere Baustelle

Wir haben seit heute unsere website neu gestaltet. Früher klickte man ständig Seiten an, die "under construction" waren. Bisweilen drückte dies ein Piktogramm in Form einer Baustellenabsperrung aus. Das ist selten geworden. Heute programmieren wir unsere Seite selber, Inga Berentzen kann das. Vor unserem Bürohaus ist der Alex seit Jahren "under construction". Der Straßenverlauf unten am Platz wird nahezu täglich von Absperrungen neu konfiguriert, wie auf einer Kartbahn. Unsere Adresse ist auch nicht mehr Alexanderplatz 5 sondern Alexanderstraße 7. Die "5" bauen sie jetzt neu, vor unserer Nase. "Things change" war mal der Titel eines Filmes von David Mamet. Von ihm hört man selten, eigentlich gar nicht mehr. Dafür erklärt demnächst Ryan Gosling in "Half Nelson" 13jährigen Ghettokindern, wie Veränderung entsteht. Er lehrt Geschichte als Chronologie der Veränderung, sieht großartig aus und nimmt ständig Drogen. Ob er das ändern können wird, man weiß es nicht. Nicht jede Veränderung geht auf Knopfdruck, nicht jede will man haben. Alexanderplatz 5 war die viel tollere Adresse, aber die neue website, die lassen wir jetzt mal so stehen.

Heike-Melba Fendel, 13.März 2008